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sich, und das ist besonders wichtig für die richtige Beurteilung der
Weißgerberei, daß die drei Zweige Weiß, Rot, Sämisch eine verhältnis
mäßig gleichmäßige Verteilung des Konsums untereinander vorgenommen
hatten; Rot lieferte viele schwere Leder langsamer Herstellungsart.
Sämisch lieferte Waschleder hauptsächlich für Kleidungsstücke, und Weiß
fertigte seine weiße Leder, Geschirr- und Riemenleder, endlich die billigen
Leder schneller Produktion.
Um die Wende des 18. Jahrhunderts noch stehen diese Methoden
ziemlich gleichwertig nebeneinander, aber schon ward der gestiegene
Handschuhkonsum großenteils von der neu eingetretenen Glacegerberei
befriedigt, und schon um diese Zeit treten Spezialitäten auf, wie das
helle lohgare Bautzener Leder Z, das glacegare Brüsseler Leder 1 2 ), oder
auch Kombinationen, wie das alaun-lohgare Dänische Leder 3 * ); sie werden
teilweise zu Handschuhen verwendet *), daneben sind aber immer noch
gewöhnliche weißgare Handschuhe, gelbe Handschuhe aus Sämischleder
und couleurte Handschuhe aus gewöhnlichem alaungarem Leder 5 ) im Ge
brauch; sie sind also schon Konkurrenten der Glacegerberei, und ge
meinsam mit dieser treten sie in Wettbewerb gegen Weiß und Sämisch.
Die großen Bewegungen um die Wende des 18. Jahrhunderts
veranlassen den Übergang von der Lohgerbung zur Brühengerbung,
und damit erwirbt sich die vegetabilische Gerbung eine Eigenschaft der
Weißgerberei, welche ihr bisher gefehlt hatte, nämlich die kurze Dauer
des Gerbeverfahrens. Wieder ist es der Krieg, welcher einen rapid
gestiegenen Verbrauch bedingt, aber jetzt ist es die Brühengerbung,
welche, ihre Leistungsfähigkeit in bezug auf prompte Lieferungszeit und
gute Qualität beweisend, der Weißgerberei den Wind aus den Segeln
nimmt. Die napoleonischen Kriege in den ersten beiden Jahrzehnten
des 19. Jahrhunderts vermehrten z. B. in Würzburg die Zahl der
Rotgerbereien auf das Doppelte, die Menge der Produktion auf das
Vierfache ®). Den Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise mit
der Möglichkeit schnellen Kapitalumschlags hatte also die Lohgerbung
vollzogen und sich damit zum alleinigen Herrn des großen Feldes ge
macht, welches sie bisher mit der Weißgerberei hatte teilen müssen; nur
auf dem Gebiete einiger umfangreicher Spezialitäten, wie Schuhfutter,
konnte sich weißgares Leder zunächst noch behaupten.
Ein Versuch zur Einführung der Teergerberei am Anfang des
18. Jahrhunderts war fehlgeschlagen, und auch die Eisengerbung hat
bis heute keine dauernden Erfolge erzielt.
1 ) Hermbstädt 1807, Bd. II, S. 174.
2 ) Keeß 1820, S. 19, 37. -) Hermbstädt 1807, Bd. II, S. 179.
4 ) Krünitz 1780, Bd. XXI, S. 460. °) Ebenda.
8 ) Würzburg 1818-1819, 30. Jan. 1819.