Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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So  ist  das  ganze  19.  Jahrhundert  wesentlich  ausgefüllt  mit  den
Konkurrenzkämpfen  der  Schnellgerberei  gegen  ihre  beiden  anderen  Rivalinnen,
  und  das  unter  Bevölkerungsverhältnissen,  welche  bei  ziemlich
rasch  steigender  Bevölkerung  und  der  damit  verbundenen  Industrialisierung ­
  der  Kulturstaaten  einen  rapid  steigenden  Verbrauch  von  Leder
bedeuteten.  Dem  billigen  weißgaren  Schuhfutter  freilich  fowie  der
Sämischgerberei  schien  die  neue  beschleunigte  Gerbemethode  zunächst  nicht
verhängnisvoll  zu  sein,  weil  die  Eigenschaften  ihrer  Produkte  keinen
Wettbewerb  mit  Weiß-  und  Sämischleder  zuließen.  Aber  für  diese
letzteren  Gebiete  war  bereits  ein  neuer  Gegner  entstanden:  die  Erfindung
der  Dampfmaschine,  der  Übergang  der  Textilindustrie  zum  Maschinenbetrieb, ­
  die  Steigerung  des  Baumwollimportes  hatten  die  Tuche
wohlfeil  gemacht,  und  unter  der  englischen  Jmportflut  vollzog  sich  auch
auf  dem  Kontinent  die  Verdrängung  des  Weißen  Schuhfutters  und  der
sämischen  Kleidungsstücke  durch  die  billigen  Baumwollstoffe.  Es  fallen
die  zahlreichen  Zollschranken  der  kleinen  Territorien,  und  die  alten
Produktionsarten  im  Schuh-  und  Handschuhgewerbe  werden  ersetzt  durch
die  neuen  maschinenmäßigen.  Die  Apparate  zum  mechanischen  Vorzeichnen
der  Handschuhe  behufs  des  Ausschneidens  mit  der  Handschere,  das
Aushauen  der  Handschuhteile  auf  schneidenden  stählernen  Patronen,  die
sogenannte  Nähmaschine  Z,  der  Zuschnitt  auf  mechanischem  Wege  durch
den  Franzosen  Jouvin^),  die  Einführung  einer  Nähmaschine  in  die
Handschuhmacherei  3 )  gestalten  die  Handschuhindustrie  zu  einer  exportierenden ­
  Großindustrie 4  *  * ),  so  daß  z.  B.  Prag  um  die  Wende  des
19.  Jahrhunderts  800000  Dtzd.  Paare  jährlich  exportiert  °),  —  und
zwar  zu  einer  Industrie,  deren  Hauptbedarf  von  der  Glacegerberei  oder
von  neueren  kombinierten  Spezialitäten  gedeckt  wird,  während  Weiß
und  Sämisch  nur  noch  eine  sehr  geringe  Rolle  spielen;  die  letzte  weltwirtschaftliche ­
  Phase  der  Handschuhindustrie  ab  1870  bringt  das  Aufblühen ­
  von  Handschuhzentren  in  Deutschland  und  damit  die  Konkurrenz ­
  des  deutschen  schafledernen  gegen  den  französischen  ziegenledernen
Handschuh  8 ).
Ähnlich  vollzog  sich  der  Aufschwung  in  der  Schuhindustrie.  Für
den  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  noch  sehr  gebräuchlichen  Schaftstiefel ­
  lieferte  England  elastische  Stiefelschäfte 7 ),  und  Delveau  in  Paris

1 )  Karmarsch  1872,  S.  587.
2 )  Rehlen  1855,  S.  142.  s )  Wiedfeldt  1898,  S.  215.
4 )  Siehe  Wiedfeldt  S.  1898,  214—215;  Schmoller  1870,  S.  633  ff.
s )  Zuckerkand!  1896,  S.  178.
e )  Lederausstellung  1878,  S.  195;  Ledermarkt  1893,  S.  1235-1237,
1300—1332;  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  41,  2.  Beilage.
2 )  Beckmann  1796,  S.  285;  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  179.
            
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