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zu sein". In einem späteren Schreiben heißt es nochmals: „Die Königlidie
Regierung behält sich daher das Recht vor, die Kanonen- und Munitionsbestellung
dann und dort zu plazieren, wann und wo dies die Staatsinteressen erfordern."
Die serbische Antwortnote wies insbesondere darauf hin, daß die serbische Re
gierung der österreichischen und ungarischen Industrie Lieferungen im Betrage
von 26 Millionen Dinars in Aussicht stelle, d. h. von 50 Prozent aller bevorstehen
den Staatsbestellungen. Bekanntlich folgte ein Zollkrieg, in dem es Österreich
nicht gelang, den Sieg über Serbien davonzutragen. Wir sehen, was ein Staat
heutzutage überhaupt von einem anderen fordern kann. Wir können uns selbst
verständlich auch Friedensverträge denken, in denen der eine Staat vom anderen
bestimmte Waren zu beziehen sich verpflichtet.
4. Kriegsentschädigung.
Ehe ich die flüchtige Skizze schließe, möchte ich noch auf die Bedeutung
von Kriegsentschädigungen hinweisen. In der Gegenwart bestehen Kriegsent
schädigungen im allgemeinen aus Geld oder Anweisungen auf Geld, Devisen,
Schecks usw. Sie kann in verschiedener Weise Verwendung finden. Man kann
einen Teil als Schatz hinterlegen, das taten z. B. die Deutschen nach dem Kriege
mit Frankreich und die Japaner nach dem Kriege mit China. Ein Teil wird
aber wohl immer bald in die Zirkulation des eigenen Landes übergehen. Es
strömen viele Auslandsdevisen herein, und das Ergebnis kann eine Senkung der
Devisenkurse im Inlande sein, während die eigenen Devisen im Auslande steigen.
Das heißt, der Import ausländischer Waren wird sehr erleichtert, der Export sehr
erschwert. Dies kann der Industrie des beteiligten Staates zum Vorteil, der
eigenen zum Nachteil gereichen.
Eine der wichtigsten Wirkungen der Kriegsentschädigungen besteht darin,
daß noch lange, ehe die Anleihe in die Zirkulation gelangt ist, .alle Preise steigen.
Dies konnte man nach 1870/71 deutlich beobachten. Diese Preissteigerungen
bewirken, daß die Industrie unter schweren Belastungen die Produktion beginnt
und daß dadurch Krisen heraufbeschworen werden können, die auf verringerte
Reingewinne bei starker Schuldenbelastung zurückzugehen pflegen. Die Krise
von 1873 wütete in Deutschland wohl deshalb besonders stark, weil die Kriegs
entschädigung zu Preissteigerungen und zu riskanten Geschäften Veranlassung
gab. Wir begreifen, daß eine in Geld bestehende Kriegs
entschädigung die Verhältnisse der Staaten zueinander
immer nur in einem, mäßigen Grade zu beeinflussen vermag.
Man darf nicht annehmen, daß jedes Quantum an Kriegsentschädigung mehr
auch einen entsprechenden Nachteil für den Besiegten bedeute, ln Frankreich
bewirkte die Entziehung der großen Geldmassen, daß, wo es irgend anging,
Zeichengeld in Verwendung genommen wurde. Überdies wirkte die Kriegsent
schädigung teilweise wie ein Schutzzoll. Die französische Industrie wurde zu
erneuter Tätigkeit angeregt. Auch in Japan trug die chinesische Kriegsentschä
digung zur Entstehung der Krise bei.
Ganz anders ist die Wirkung, wenn die Kriegsentschädigung sich auf
viele Jahre erstreckt, wenn sie in Form von Aktien oder Obligationen gegeben
wird. Noch schwerer ist die Wirkung, wenn nicht Geld, sondern Waren als
Kriegsentschädigung weggenommen werden oder Produk
tionsstätten, Kohlengruben, Fabriken und dergleichen.
Wenn ich die Gefahren einer Kriegsentschädigung besonders hervorhebe,
so geschieht dies deshalb, weil man dieselben leicht übersieht. Ich möchte aber
nicht unerwähnt lassen, daß selbst die Krise nicht all das zerstört, was von
ihr entstanden ist. Und der Aufschwung Deutschlands nach dem Deutsch-fran
zösischen Krieg, der erhalten blieb, geht wohl zum Teil auf die Kriegsentschä
digung zurück. Vor allem muß man sich über eins klar sein. Wenn in einer
Krise 200 Fabriken zugrunde gehen, so muß das nicht bedeuten, daß die Fabriken
ihren Betrieb einstellen und verfallen. Es kann nur heißen, daß sie den Eigen
tümer wechseln. Der erste Eigentümer macht Konkurs, der nächste übernimmt
die Fabrik zu einem geringeren Preis und kann nun viel leichter rentabel pro
duzieren.