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Erster geschichtlicher Teil
liegen !), ergibt sich eine recht hohe Geburtenzahl pro Familie,
Freilich ist auch noch heute Württemberg ein ziemlich geburten-
reiches Land. Alle Familien haben im 16. und 17. Jahrhundert
zwischen 5 und 6 Kinder, während sich dann im 18. Jahrhundert
eine deutliche Abnahme zeigt. Aber immerhin beträgt der Durch-
schnitt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch 6,1 und in
der zweiten Hälfte desselben 4,5 Kinder. Betrachtet man nur die
fruchtbaren Ehen, so erhöhen sich noch diese Zahlen. Bothe hat
für Frankfurt a./M. für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts
5,6 Kinder auf eine fruchtbare Ehe berechnet und ist auf dieser Grund-
lage zu einer allgemeinen Geburtenziffer von 39 auf 1000 Einwohner
gekommen, wobei freilich ein Teil der Unehelichen und die vor
der Taufe Gestorbenen fehlen, so daß die allgemeine Geburten-
ziffer etwas höher gewesen ist. Aber auch bei einer so starken
Fruchtbarkeit der Ehen kommt Bothe infolge der hohen Sterblich-
keit zu einer recht geringen Zahl der auf jede Ehe entfallenden
Kinder. Bei 313 Ehen betrug diese Zahl im Durchschnitt damals
nur 2,31, im 17. Jahrhundert 2,44 und im Jahre 1799 2,0%).
Wenn man den Versuch macht, aus dem Dargelegten ein ge-
meinsames Ergebnis zu finden, so stößt man auf ganz beträchtliche
Schwierigkeiten. Dabei soll die Entwicklung der Geburten-
häufigkeit selbst außer acht bleiben. Man hat vielfach für den Lauf
des 18. Jahrhunderts eine gewisse Verminderung feststellen wollen.
Ebensowenig soll hier genauer darauf abgehoben werden, daß als
Folge von Kriegen und Seuchen und ihrem Einfluß auf die Ehe-
häufigkeit in der älteren Zeit die Fruchtbarkeit ganz erheblichen
Schwankungen unterlag. Wesentlich wichtiger ist der Vergleich der
Geburtenhäufigkeit in älterer Zeit und derjenigen in der Gegenwart.
Nach dieser Richtung hin ist das vorhandene Material keineswegs
gleichartig und keineswegs schlüssig. Dabei soll nicht verkannt
werden, daß sich die älteren Angaben auf Gebiete von wirtschaftlich
ganz verschiedener Beschaffenheit, auch zeitlich auf recht verschiedene
Perioden beziehen. Das Verhältnis zwischen Trauungen und Taufen
ist kaum höher als in der Gegenwart, z. T. niedriger. Allerdings
muß man hierbei daran denken, daß das ältere Material sehr lücken-
haft ist und daß trotz der größten Gewissenhaftiekeit der Bearbeiter
1 E. Rümelin, Heiratsalter u. Fruchtbarkeit d. Ehen in ihrer Entwickl, seit
1500, Württemb. Jahrb. f. Stat. u. Landeskunde, 1923-—1924.
?) Bothe, a. a. O., S. 63—66. — Für die Schwankungen in d. Geburten-
häufigkeit vgl. auch W. Hanauer, Histor.-stat. Untersuchungen über d. unehelichen
Geburten, Zeitschr. f. Hygiene u. Infektionskrankheiten, Bd. 108, 1028.