Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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das  zu  tun?  Le  Play  ging  zu  den  „Sozialen  Autoritäten“,  welche
die  Doktrinen  nach  „ihren  Ergebnissen  beurteilen,  indem  sie  das
Gute  in  dem  erblicken,  was  die  Menschen  einander  nähert,  das
Böse  in  dem,  was  sie  trennt“.  Aber  dadurch  werden  wir  noch
nicht  über  die  Schwierigkeiten  der  hier  aufgeworfenen  Frage  hinausgehoben. ­

Was  Le  Play  unter  „Vernunft“  versteht,  ist  nicht  klar;
denn  die  von  ihm  angegriffenen  zeitgenössischen  Gelehrten,  die  sich
als  „Interpreten  der  Vernunft“  ausgeben,  haben  nach  der  Anschauung ­
  der  „Sozialen  Autoritäten“  offenbar  nicht  die  richtige
„Vernunft“.  Wo  ist  also  diese  zu  finden?  Jeder  glaubt  schließlich,
daß  das,  was  er  denkt  und  tut,  vernünftig  ist,  und  so  geben  sich
alltägliche  Meinungen  für  die  einzig  richtige  „Vernunft“  aus.  Die
Weisheit  der  „Sozialen  Autoritäten“  in  allen  Ehren.  Es  waren
darunter  offenbar  sehr  bedeutende,  weitblickende  Männer.  Aber
zunächst  hing  natürlich  viel  davon  ab,  welche  „Soziale  Autoritäten“
Le  Play  konsultierte;  es  waren  doch  immer  nur  einzelne  Menschen,
und  dann  waren  es  eben  auch  Menschen  mit  menschlichen  Irrtümern,
vor  allem  Menschen  ihrer  Zeit,  die  daher  nicht  ohne  weiteres  als
Verkörperung  aller  Vernunft,  als  authentische  Interpreten  des
Sittengesetzes  betrachtet  werden  können.
Le  Play  versteht  unter  „Sittengesetz“  zunächst  die  zehn
Gebote,  den  „Dekalog“,  den  er  bei  jeder  Gelegenheit  erwähnt.  Er
betrachtet  ihn  mit  Recht  als  die  Grundlage,  als  Voraussetzung,  als
Maßstab  für  jede  soziale  Existenz.  Aber  den  gesamten  Inhalt
des  Sittengesetzes  kann  man  nicht  ohne  weiteres  aus  den  zehn  Geboten ­
  entnehmen,  sondern  muß  ihn  in  der  Regel  erst  durch  tiefgreifende ­
  Ermittlung  der  wechselnden  Existenzbedingungen  der  Gesamtheit ­
  zu  erfassen  suchen.
Le  Play  weiß  genau,  daß  der  „Dekalog“  der  Interpretation  bedarf; ­
  denn  er  definiert  das  Sittengesetz  als
die  Vorschriften  des  Dekalogs  mit  den  Interpretationen,  wie  sie  bei  den  der
sozialen  Grundverfassung  treuen  Völkern  durch  Religion,  Sitte  und  geschriebene
Gesetze  festgelegt  sind 1 ).
Aber  diese  Definition  ist  unklar,  wie  sehr  viele  Definitionen  Le  Play’s.
Zunächst  wieder:  was  ist  die  soziale  Grundverfassung  (constitution
essentielle)?  Le  Play  antwortet:

*)  0.  E.  I,  463.

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