Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

496 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik. 
große Eroberung des Zollvereins vollzogen. Die Aufgabe war, den Handelsbund 
auszudehnen: über alle deutschen Staaten, aber keinen Schritt weiter. Schon im 
Jahre 1834 wurde in Brüssel, durch die Sorge vor Frankreichs Eroberungslust, die 
Frage aufgeworfen, ob nicht Belgien dem Deutschen Zollvereine beitreten solle. 
Preußen wies den Gedanken zurück, und auch späterhin, als das unreife National 
gefühl deutscher Publizisten wiederholt für einen Handelsbund mit der Schweiz oder 
mit Holland sich erwärmte, wahrte Preußen unbeirrt den nationalen Charakter des 
Zollvereins. Also entstanden zwei Gemeinwesen im Deutschen Bunde: ein Deutsch 
land des Scheins, das in Frankfurt, ein Deutschland der ehrlichen Arbeit, das in Berlin 
seinen Mittelpunkt fand. Der Preußische Staat erfüllte, indem er Deutschlands Han 
delspolitik leitete, einen Teil der Pflichten, welche dem Deutschen Bunde oblagen, wie 
er zugleich allein durch sein Heer die Grenzen des Vaterlandes sicherte. — So ist 
er durch redlichen Fleiß langsam emporgewachsen zur führenden Macht des Vater 
landes; und nur weil die europäische Welt es nicht der Mühe wert hielt, das Heer 
wesen und die Handelspolitik Preußens ernstlich kennen zu lernen, bemerkte sie nicht 
das stille Erstarken der Mitte des Festlandes. 
Die wirtschaftliche und die politische Einigung Deutschlands zeigen eine über 
raschende Verwandtschaft in ihrer Geschichte. Beide Bewegungen gleichen einem 
großen dialektischen Prozesse: erst nachdem durch wiederholte vergebliche Versuche die 
Unmöglichkeit jeder andern Form der Einheit zweifellos erwiesen war, errang die 
preußische Hegemonie den Sieg. Ein reiches Erbe monarchischer und im guten Sinne 
föderalistischer Überlieferungen ist aus den Erfahrungen des Zollvereins übergegangen 
auf den Norddeutschen Bund und das Deutsche Reich. Mit Recht wird der geniale 
Wurf der Norddeutschen Bundesverfassung gepriesen, wie sie allen staatsrechtlichen 
Theorien widersprach und doch so lebenskräftig, so verwickelt und doch so einfach war. 
Der glückliche Griff erscheint nur um so glücklicher, wenn wir erkennen, daß jenes 
Grundgesetz nicht schlechthin eine Neuerung gewesen ist, sondern an altbewährte Tra 
ditionen sich anlehnte. In dem Zollvereine hatte Preußen gelernt, einen vielköpfigen, 
fast formlosen Bund, der sich in keine Kategorie des Staatsrechts einfügen wollte, 
monarchisch zu leiten, mehr durch Einsicht und Wohlwollen und durch das natürliche 
Übergewicht der Macht als durch förmliches Vorrecht; und es war auch nur ein An 
knüpfen an alte Überlieferungen, daß die neue Bundesverfassung außer dem Heer 
wesen zunächst bloß die materiellen Interessen der Nation ins Auge faßte, den 
reicheren Ausbau des Deutschen Staates der Zukunft überlassend. Und fragt man, 
wie es doch kam, daß in diesem zanklustigen Deutschland der Norddeutsche Bundesrat 
so viel Tatkraft, so viel Einmut bewähren konnte? — so läßt sich der Segen der 
langen Lehrzeit des Zollvereins nicht verkennen. Zwei grundverschiedene Schulen 
deutscher Staatsmänner waren aufgewachsen seit den dreißiger Jahren. Auf der 
einen Seite die Politiker des Bundestags. Wer hat sie nicht gekannt, diese bejam 
mernswerten Geschöpfe, denen die Erbsünde der Diplomatie, die Verwechslung von 
Geschäft und Klatscherei, zur anderen Natur geworden? — Diese durch die konden 
sierte Milch der „Augsburger Allgemeinen" und der „Frankfurter Ober-Postamts- 
Zeitung" mühsam am Leben erhaltenen politischen Kinder, die mit so feierlichem Ernst 
von den Formen und Formeln des hohen Bundesrechts zu reden wußten? Und da 
neben die Geschäftsmänner des Zollvereins, nüchterne praktische Leute, gewohnt, 
ernsthafte Jnteressenfragen umsichtig zu erwägen, die Wünsche und Bedürfnisse der 
Nachbarn mit Gerechtigkeit und Milde zu beachten. Auf der hohen Schule der Zoll 
konferenzen und der mannigfachen Beratungen über die Fragen des Verkehrs lernten 
Preußens Staatsmänner die Methode neuer deutscher Politik: die Kunst, reizbare 
kleine Bundesgenossen ohne Gehässigkeit und Gewalttat zu leiten, unter hündischen 
Formen das Wesen der Monarchie zu wahren.
	        
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