Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

V. Die Motive der Zunftbildung . im deutschen Mittelalteee. 261 
einer spätern Zeit, in Konkurrenz mit dem städtischen freien 
Handwerk, als der Gewinn des städtischen Gewerbes ganz 
sichibar geworden war, sind herrschaftliche Betriebe so verstärkt 
worden, daß sie auch planmäßig für den Markt arbeiteten!). 
Und der besondere Anreiz dafür lag überdies in einem 
Nebenumstand, in dem Privileg der Steuerfreiheit, das die 
kirchlichen Institute beanspruchten und im Kampf mit den städ- 
tischen Gewerbetreibenden und dem Stadtrat auch zum Teil 
behaupteten oder durchsetzten. Bezeichnenderweise sind aber 
die herrschaftlichen Betriebe, die hier in Betracht kamen, vor- 
Haushalt nötig war, im Haus und von eigenen Leuten anfertigen 
zu lassen, von feinem Backwerk, Stickereien, Pferdegeschirren und 
Möbeln bis zum Klavierstimmen. Aber „nur wenige brachten es in 
dem betr. Handwerk zur Meisterschaft. Die Schneider und Schuh- 
macher erwiesen sich schließlich gerade geschickt genug, Kleider und 
Schuhe für die Dienerschaft anzufertigen, und wollte man den Mit- 
tagsgästen eine wirklich gute Torte vorsetzen, so bestellte man sie bei 
Tremblé, während unser Zuckerbäcker in unserer Kapelle die Trom- 
mel schlug."“ Trotz des Ehrgeizes, die Autarkie des Hauses pratktisch 
durchzuführen, wird sie also hier nicht erreicht. Trimalchio hat nach 
der Schilderung des Petronius auch den Ehrgeiz, seinen Gästen 
nur Sachen vorzusetzen, die auf seinem Grund und Boden produziert 
sind. Aber auch hier bleibt die Wirklichkeit hinter dem Ehrgeiz zurück. 
Ed. Meyer, Kleine Schriften S. 84. Der deutsche Grundherr des 
Mittelalters hatte nicht einmal einen solchen Ehrgeiz; für ihn war 
nur die Zweckmäßigkeit entscheidend. Um so weniger dürfen wir 
bei ihm die Durchführung der Autarkie erwarten, wenngleich wohl 
festzustellen ist, daß der deutsche abhängige Handwerker besser arbei- 
tete als der russische. Der Bauer mied den Handwerker nur, um zu 
sparen; jener Ehrgeiz ist auch für ihn nicht maßgebend. Ein derartiger 
Ehrgeiz ist natürlich unwirtschaftlich und daher kostspielig. Nicht um 
zu sparen, sondern um damit zu prunken, strebte der russische Groß- 
grundbesiter danach, alles im eigenen Haus herstellen zu lassen. 
Unrichtige Schätzung dieser Dinge bei K. Bücher. Entstehung der 
Volkswirtschaft, 10. Aufl., S. 100. 
1) Zu der Tatsache, daß die Konkurrenz herrschaftlicher Betriebe 
etwas späteres ist, bietet das Altertum eine Parallele. Erst seit dem 
I. griechischen Jahrhundert werden die Sklaven Fabrikarbeiter. 
Vgl. Bauer, JIlbergs Jahrbücher 9 (1902), S. 342: Ed. Meyer, Kleine 
Schriften S. 188 ff. und S. 197 ff.
	        
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