140 Dr. J. W. Reichert:
und Absperrung des Ruhrgebiets und seiner Wirtschaft von der Außen-
welt folgte die willkürliche Ausbeutung in jeder nur denkbaren Be-
ziehung, die fast völlige Lahmlegung der Wirtschaft und sogar die
Gefährdung der Ernährung, Millionen von Menschen, die gehindert
wurden, ihrem Broterwerb nachzugehen, konnten nur durch die Aus-
gabe neuer Reichsbanknoten vor dem Verhungern geschützt werden.
Von einer Achtung des völkerrechtlich unantastbaren Privateigentums,
von einem Schutz des Menschenlebens war nicht mehr die Rede. Die
Gewalttaten nahmen zu, es kam selbst zu Morden und Hinrichtungen.
Die Bevölkerung im ganzen besetzten Gebiet litt unsäglich. Es war
eine furchtbare Tragödie von Millionen von Menschen, die der Re-
parationskrieg Poincares heraufbeschworen hatte,
Am 16, April 1923 erklärte der neue Außenminister Dr. v. Rosen-
berg, in der Pariser Januarkonferenz habe das deutsche Kabinett
ein Angebot von 30 Milliarden Goldmark machen wollen; jetzt habe der
Ruhreinbruch die deutsche Zahlungsfähigkeit vermindert. Nun müßten
internationale Sachverständige die Leistungsfähigkeit Deutschlands
feststellen. Auf englische Anregung machte dann am 1. Mai die Reichs-
regierung in einer Note der Entente den Vorschlag, die Gesamt-
verpflichtung auf 30 Goldmilliarden festzusetzen und zur Sicherung des
Schuldendienstes neben dem Besitz und allen Einnahmequellen des
Reichs und der Länder die gesamte Wirtschaft heranzuziehen. Allein
die französische Regierung schrie ihr „Unannehmbar‘ und verlangte
vor allem Einstellung des deutschen Widerstandes an Ruhr und Rhein,
Selbst England und Italien antworteten dem deutschen Kabinett
ablehnend,
Kurz danach, nämlich am 27. Mai 1923, erklärte sich der Reichs-
verband der Deutschen Industrie für eine gleichzeitige
Lösung des Gesamtproblems der Reparationen nach außen wie inner-
halb Deutschlands und machte dem Kanzler Cuno das große Angebot
zur Übernahme einer Sondergarantie in Höhe von 500 Millionen
Goldmark auf die Dauer von 30 Jahren seitens der deutschen Industrie,
Der Reichsverband ging dabei von der Voraussetzung aus, daß die
Kriegs- und Zwangswirtschaft einschließlich der Außenhandelskontrolle,
ferner die Demobilmachungsvorschriften aufgehoben werden, daß sich
die Staatsgewalt selbst bei großen Arbeits- und Wirtschaftskämpfen
auf die Rolle eines Schiedsrichters beschränke, daß außerdem das
Steuerwesen geändert, ferner ein Arbeitszeitgesetz geschaffen und
schließlich die Wirtschaft von allen unproduktiven Ausgaben entlastet
werde, Ein entsprechendes Angebot machte wenige Tage danach der
Reichslandbund für die Landwirtschaft, So kam es zu Dr. Cunos
Memorandum vom 7, Juni, in dem folgende Garantien geboten