Object : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

126  Zweiter  Teil.  Äanbct.  VI.  Handlungsgehilfe  und  Handlungslehrling.
zufallen  wird,  diesen  Entwickelungsprozeß  mehr  als  die  heute  lebende  Generation  durchzukämpfen, ­
  für  eine  erfolgreiche  Durchführung  dieser  schwierigen  Aufgabe  entsprechend
vorbereitet  und  vorbildet.
Die  Erziehung  und  Ausbildung  des  jungen  Kaufmanns  wurde  langezeit  hindurch ­
  von  der  Auffassung  beherrscht,  daß  derselbe  nur  für  den  Prinzipal  da  fei.
Erst  allmählich,  als  der  Handel  selbst  nicht  mehr  in  feinen  gewohnten  Bahnen  zu
führen  war  und  die  Aufhebung  der  zünftlerischen  Vorrechte  einen  allgemeinen  Andrang
zum  Kaufmannsberuf  hervorrief,  nahm  auch  das  Verantwortlichkeitsgefühl  des  Lehrherrn ­
  gegenüber  feinen  Lehrlingen  einen  anderen  Charakter  an.  Der  moderne  Handelsbetrieb ­
  hatte  inzwischen  auch  ganz  neue  Lebensbedingungen  erhalten.  Alle  Schwierigkeiten ­
  des  Verkehrs  waren  in  Wegfall  gekommen,  die  Bezugsquellen  wurden  so  bekannt,
daß  mit  der  Entwicklung  der  Massenproduttion  der  Kaufmann  auch  nicht  mehr  einen
Schritt  zu  tun  brauchte,  um  sich  von  allen  Seiten  Offerten  zu  holen.  Der  Geldverkehr ­
  wurde  so  erleichtert,  das  Kreditwesen  so  ausgebildet,  die  Bedürfnisse  der
Konsumenten  so  ins  Massenhafte  gesteigert,  daß  alles  nach  diesem  geldbringenden
Beruf  hinströmte.  And  doch  war  der  Beruf  in  anderer  Beziehung  gerade  dadurch
schwieriger  geworden.  Je  leichter  es  war,  Kaufmann  zu  werden,  desto  schwieriger  war
es,  Kaufmann  zu  bleiben.  Jetzt  war  die  Frage  nach  der  anderen  Richtung  hingedrängt:
Es  kam  nicht  mehr  darauf  an,  zu  wissen,  wo  man  Ware  beziehen  sollte,  sondern  wo
sie  abzusetzen  war.
Der  Kaufmann  wurde,  durch  die  Konkurrenz  gedrängt,  gezwungen,  feste  Preise
einzuhalten,  und  so  brachte  die  Konkurrenz  das  Willkürliche  des  Handels  in  eine
bestimmte  Form.  Der  Betrieb  wurde  rationeller,  aber  das  Risiko  bezüglich  des
Absatzes  war  ein  ungleich  größeres.  Man  konnte  schneller  reich  werden,  aber  auch
schneller  verarmen.  Der  Betrieb  eines  Handelsgeschäftes  verlangt  heute  eine  regelrechte
und  ziemlich  umfangreiche  Fachbildung  und  bedingt  außerdein  eine  Kenntnis  der  verschiedenen ­
  den  Handel  regelnden  Gesetze  (Wechselordnung,  Gewerbeordnung,  Handelsgesetzbuch). ­
  Die  Fracht-  und  allgemeinen  Ankostenberechnungen  sind  zu  einem  der
wichtigsten  Fattoren  bei  der  Gewinnberechnung  geworden,  seitdem  der  Einkauf  und
der  Verkauf  keine  großen  Spannungen  mehr  gegenüber  der  Konkurrenz  läßt.  Es
dringt  in  den  Handelsbetrieb  geradezu  ein  arithmetisches  Prinzip  hinein,  gegen  dessen
Gesetz  niemand  ungesttaft  sündigt.  Man  muß  mit  der  Tatsache  rechnen,  daß  der
ordnungsmäßige  Betrieb  eines  größeren  Handelsgeschäftes  heute  genau  so  schwierig
ist  und  so  besondere  betriebstechnische  Kenntnisse  bedingt  wie  andere  Erwerbszweige  auch.
Wie  wird  nun  heute  der  junge  Kaufmann  für  den  offenbar  schwerer  gewordenen
Beruf  vorgebildet?
Es  liegen  mir  hier  zwei  kleine  Antersuchungen  vor,  die  eine  aus  Frankfurt  a.  M.,
die  andere  aus  Braunschweig,  die  einige  bemerkenswerte  Tatsachen  offenbaren.
In  Frankfurt  ist  nach  dieser  Enquete  eine  Lehrzeit  von  3  Jahren  bei  62%  der
befragten  Lehrlinge  zu  konstatieren.  15%  machen  eine  solche  von  2%  Jahren  und
23%  eine  solche  von  2  Jahren  durch.  Die  Anterweisung  geschieht  in  der  Weise,  daß
die  Lehrlinge  in  kleineren  Geschäften  durch  die  Angestellten,  in  größeren  Geschäften
durch  die  älteren  Lehrlinge  und  nur  in  ganz  seltenen  Fällen  durch  den  Lehrherrn  unterwiesen ­
  werden.  Bei  50%  bestanden  die  Arbeiten  im  ersten  Lehrjahre  im  Offnen  und
Schließen  des  Geschäftes,  im  Aufräumen,  Abstäuben,  in  Botengängen  und  vielleicht
noch  im  Kopieren  und  ähnlichen  untergeordneten  Arbeiten.  Erst  im  dritten  Jahre,  bei
besseren  Geschäften  auch  schon  im  zweiten  Jahre  kam  etwas  Korrespondenz  und  Buchhaltung
hinzu;  einige  Lehrlinge  wurden  sogar  mit  dem  Kassen-  und  Wechselwesen  bekannt  gemacht.
Bei  einer  Erhebung,  die  wir  in  Braunschweig  anstellten,  und  die  sich  auf  90  Lehrlinge ­
  erstreckte,  stellte  es  sich  heraus,  daß  nicht  weniger  als  26  von  diesen  während  der
Lehrzeit  überhaupt  nicht  zu  schriftlichen  Arbeiten  gekommen  waren;  ihre  Tätigkeit  be-
            
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