2
——
I. Probleme des Strafrechts.
8
18.
Niemand leugnet weniger als wir den Einfluß der
Beweggründe. Niemand leugnet weniger als wir den Ein—
fluß des Charakters beim Handeln. Aber umsomehr be—
kämpfen wir die mechanische Seelenbetrachtungslehre, welche die
Tat einfach als die mathematische Diagonale von Beweg—
grund und Charakter erachtet. Zunächst ist die Behauptung,
daß der Mensch einen unwandelbaren Charakter habe, eine un—
richtige, durch keine Erfahrung gerechtfertigte Hypothese; im
Gegenteil ist der Charakter wandelbar, und wir selbst sind fähig,
an unserem Charakter und seiner Verbesserung zu arbeiten, wie dies
bereits (S. 30) hervorgehoben wurde. Sodann ist es aber vollkommen
fehlerhaft, sich den Charakter so zu versinnlichen, daß, wenn ihn
ein Beweggrund, gleichsam wie ein Instrument, angeschlagen hat,
er sich in ganz bestimmten Taten, wie ein Instrument in be—
stimmten Tönen, äußern müsse. Sollte man etwa annehmen,
daß der eine Mensch nach der G-Saite, der andere nach der
H-Saite gestimmt wäre, und wenn dann die Beweggründe hier
einwirkten, mit Notwendigkeit G oder B herauskäme? Das wäre
verkehrt. Allerdings wird der Charakter eine Geneigtheit er—
geben zu einem bestimmten Handeln, denn der Charakter selbst
ist ja nichts anderes als eine Geneigtheit, in einer bestimmten
Weise auf die Einflüsse zu wirken, was die Scholastiker, wie Thomas
und Duns Scotus, habitus nennen, aber er ist eine Geneigt⸗
heit, nicht eine Notwendigkeit. Man begeht hier den Grund—
fehler, die organische Welt in die Zwangsjacke der unorganischen
zu stecken und mit Erwägungen zu hantieren, die nur dem Un—
organischen angehören. Das Organische hat so viele in das Un—
endliche hineinragende Besonderheiten, daß von einem derartigen
Abstimmen des Charakterinstrumentes nicht die Rede sein kann.
Bleiben wir bei dem Bilde: die B-Saite wird allerdings nie wie
die G-Saite erklingen, aber der Geiger, der seinen Finger auf
eine bestimmte Stelle der B-Saite legt und sie dadurch verkürzt,
wird die Töne F, G, A, H und noch unendlich viel andere Töne
zustande bringen können; er kann durch leises Ansetzen der Finger
die Flageoletttöne erzeugen, er kann durch die Art der Bogen—
führung ein Forte, ein Piano hervorrufen. So ist es mit dem
menschlichen Charakter. Der menschliche Wille wird kraft seines
Charakters in der Art verfahren, daß sicher gewisse Handlungen