Full text : Zwangsarbeit in der Sowjetunion

Durch die Studienstelle Deutscher Rückkehrer erfahren wir, daß neuerdings wieder
27 deutsche Kolonistenfamilien aus Wolhynien in die Sumpfgebiete Kareliens verbannt
worden sind. .
„Die Familien befinden sich in äußerst bedrängter Lage, da sie kaum das Notdürftigste
 mitnehmen können.‘ :
Die Mitglieder der einzelnen Familien wurden auseinandergerissen. Frauen und
Kinder hausen in elenden Baracken, während die Männer bis 100 km weit vom
Standort zur Arbeit getrieben werden. Die Brotration ist nur auf ein Mindestmaß
beschränkt. Jeder Arbeitende, ob Mann oder Frau, erhält täglich 300-400 g
Brot.‘ Für‘ die Alten, Gebrechlichen und Kranken ist die Ration noch kärglicher
bemessen. Lu
Schmutz, Kälte, Nässe und Hunger leisten die von den Sowjets gewünschte Arbeit
und fordern täglich ihre Opfer. Besonders groß ist die Sterblichkeit unter den Kindern.
Unermeßlich ist die Zahl derjenigen, die in den Hunderten von Verbannungsorten in
Karelien, Sibirien, im Fernen Osten und wo sonst es auch sei, elend zugrunde gezangen
 sind. a nn
Das Sowjetgericht in Nowograd-Wolinsk hat ein neues Todesurteil ausgesprochen
gegen die deutsche Lehrerin Margarethe Grünke, die Frau des ehemaligen ‘Direktors
der deutschen Schule in Krasnoretschensk Hugo Grünke. Die Verurteilung der Frau
Margarethe Grünke erfolgt angeblich wegen ihres mit einigen anderen‘ Lehrerinnen
derselben Schule ausgeübten konterrevolutionären Vorgehens.
Wie wir heute aus privater Quelle, die als ganz zuverlässig angesehen werden
kann, erfahren, ist das Dorf Ak-Metsched bei Chiva, das 316 Seelen zählte, am 30. 4.
1935 ausgesiedelt worden. Die Bewohner wurden nach Tadschikistan, Fergana verschickt
 und müssen Zwangsarbeit in einem wasserlosen Bergtal des Gebirges Hindukusch
 leisten!).“ .
Ähnliche Meldungen brachte u. a. auch die ausländische Presse, z. B. meldet die
„Gazette de Lausanne‘ aus zuverlässiger Quelle, daß die sowjetrussischen Behörden seit
einiger Zeit Zwangsverschickungen von Hundertitausenden sowjetrussischer Untertanen
polnischer und deutscher Herkunft durchführen, und zwar aus den westlichen Grenzgebieten
 von Leningrad bis Odessa.
Die Verbannten werden nach dem Norden oder nach Sibirien verschickt. Mitunter
wird durch Überfall in der Nacht ein ganzes Dorf ausgehoben, ohne daß Rücksicht
darauf genommen wird, ob dabei Kinder von ihren Eltern getrennt werden. Allein
aus Leningrad sind, wie dem Blatt weiter gemeldet wird, von Januar bis Ende März
1935 20000 Familien zwangsverschitkt worden. .
Es handelt sich dabei nicht etwa um eine Bestrafung von Aufständischen, sondern
um ein systematisches politisches Vorgehen?). .
Neben den Deutschen gehören auch die Angehörigen verschiedener anderer
Nationalitäten zu den Insassen der Zwangsarbeitslager: aus den fruchtbaren Steppen
der Ukraine: aus den nordischen Wäldern Kareliens. aus Krasnowodsk. Stalinabad.

1) Mitteilungen des „Verbandes der Deutschen aus Rußland e. V.“, 1935, Folge 4.
2) „Berliner Börsenzeitung‘“ vom 29. 5. 1935.
            
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