224 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
der menschlichen NRatur schon wegen ihrer Abwechselung angemessener war und sei als
die Maschinenarbeit. Aber lange vor allen Maschinen, seit Jahrtausenden, gab es eine
erschöpfende, schädliche Handarbeit in Bergwerken und Hausindustrien, auf Schiffen und
auf dem Ackerfelde; eine ausbeutende, gesundheitsschädliche, verkümmernde Handarbeit
von Sklaven, Leibeigenen und Freien ist fast in allen älteren Kulturländern früher vor—
handen gewesen, wo nicht eine besonders gute sociale Ordnung die Handarbeiter dicht—
bevölkerter Gebiete vor socialem Drucke schützte. Und ihnen eröffnete die Kraft- und
Arbeitsmaschine wenigstens die Möglichkeit einer Abnahme der übermäßigen Muskel—
anstrengung. Ob sie praktisch gelang, hing freilich davon ab, ob die Maschine nicht
gleich mit einer unnatürlichen Verlängerung des Arbeitstages, schlechten Räumen, un—
gesunder Luft und mit unvollkommenen socialen Institutionen überhaupt sich verband.
Daran fehlte es. Und deshalb sind auch die sekundären Folgen der Überarbeit, der
schlechten Ernährung und Wohnung, wie proletarische Vermehrung, Trunkenheit, Schlaff—
heit, die längst bei vielen Handarbeitern vorhanden waren, nicht sofort mit der Maschine
verschwunden, sondern teilweise noch sehr gewachsen.
Aber diese Begleitumstände, mehr als die moderne Maschine, erzeugten 1770 bis
1850 so vielfach einen entarteten Arbeitertypus. Daß heute unter veränderten und
verbesserten socialen Bedingungen zahlreiche gesunde, kräftige, geistig und sittlich voran—
schreitende Maschinenarbeitertypen sich gebildet haben, kann kein Unbefangener leugnen.
Nur ist die Frage, auf welche und wie große Teile der Maschinenarbeiter sich diese
günstige Aussage beschränke oder ausdehne.
Daß manche Maschinen und maschinellen Arbeitsprozesse mit ihrer Zerlegung in
kleine Teiloperationen, auch wo sie dem Menschen Muskelanstrengung abnahmen, ihn
zu mechanischer, geisttötender, monotoner Thätigkeit des Fadenknüpfens, Rohstoffauf—
gebens, Handgriffemachens nötigten, ist bekannt. Ein Teil der neuen Technik hat sofort
die Beteiligten gehoben, ein anderer hat sie körperlich und geistig herabgedrückt; es
fragt sich nur, wie weit man die letztere Wirkung durch sociale Anordnungen einschränken,
wie weit man durch noch größere technische Fortschritte, durch sich selbst bedienende und
regulierende Maschinen die rein mechanische Arbeit des Menschen noch mehr als bisher
beseitigen könne. Fast alle Arbeit aber an der Maschine hat neben der geisttötenden
Wirkung des Mechanischen eine erziehende, anregende: sie leitet zu Ordnung und
Präcision, zum Nachdenken und zum Erwerbe technischer Kenntnisse an. Je komplizierter
der Maschinenmechanismus wird, desto mehr braucht man für die meisten, nicht für
alle Arbeiten in ihm verantwortliche, kluge, kenntnisreiche, gut genährte und bezahlte
Arbeiter. Mögen wir also an meisterhafter Handausbildung keine Arbeiter mehr haben
wie die Gehülfen des Praxiteles und die Gesellen in der Werkstatt Peter Vischers waren,
in einer großen Anzahl unserer technisch hochstehenden Industrien haben wir Arbeiter,
welche technisch, geistig, körperlich und moralisch den Vergleich mit den besseren Arbeitern
aller Zeiten nicht nur aushalten, sondern fie übertreffen. Freilich nur da, wo die sittliche
Ordnung unserer modernen Betriebseinrichtungen schon die schlimmsten Mißbräuche der
ersten Gestaltung überwunden hat, da, wo man einsah, daß der Betrieb nicht bloß
nach der Leistungsfähigkeit der Maschine, sondern ebenso nach der des arbeitenden
Menschen eingerichtet werden muß. Das hatten die Unternehmer, wie Cunningham sagt,
zuerst ganz vergessen! —
Fassen wir unser Urteil über das Maschinenzeitalter zusammen: Die einseitigen
Optimisten, wie Michel Chevalier, Passy, Reuleaux, auch einzelne Socialisten, wie
Fourier und Bebel, sehen nur das Licht, die einseitigen Pessimisten, wie Sismondi,
Marx, überwiegend den Schatten; die wissenschaftliche Betrachtung ist mit Nicholson,
Marshall, Hobson doch überwiegend zu einem gerechten, wohlabgewogenen Urteile
gekommen. Die moderne Technik und die Maschine haben aus einer Volkswirtschaft mit
mäßiger Bevölkerung, Kleinstädten, durch die Wasserkräfte zerstreuten Gewerben, mit
jeudaler, stabiler Agrarverfassung, lokalem Absatz, geringem Außenverkehr eine solche
gemacht, die durch dichte Bevölkerung, Riesenstädte und Industriecentren, Großbetrieb,
großartigen Fernverkeht und weltwirtschaftliche Arbeitsteilung sich charakterisiert. Diese