Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

RUSSLAND.  —  Sociale,  Gewerbs-  und  Handelsverhältnisse.  129

den  Leibeigenen  kamen  (nach  Troinitzki)  22’558,748  auf  das  europ.
Russland,  506,545  auf  Transkaukasien  und  4,338  auf  Ssibirien.  Am
grössten  war  die  Zahl  der  Leibeigenen  in  den  Gouvernements  :  Kiew
ri  21,062  und  Podolien  1'041,621;  in  6  andern  je  über  750,000,  in  16
über  600,000  (im  Gouvem.  Moskau  621,312,  Petersb.  260,292).  In
2  Gouvernements  (Ssmolensk  und  Tula)  waren  69  Proc.  der  Bevölkerung
leibeigen,  in  5  weiteren  (Mohilew,  Kaluga,  Minsk,  Kutais  und  Podolien)
über  60%  ,  in  10  andern  über  50  %  ,  stets  ungerechnet  die  Krön  -  und
Apanagebauem,  Die  geringste  Zahl  ergab  sich  in  Bessarabien,  etwa
2  Proc.  —  103,194  Adelige,  deren  Güter  106’228,520  Dessjätinen
Land  umfassten  (davon  81’032,250  Dess.  Acker-  und  25’196,270  Dessj.
unbebautes  Land),  besassen  10’683,853  männliche  Leibeigene,  welche
Letzten  von  obigem  Ackerlande  etwa  33  Mill.  Dessj.  für  eigene  Rechnung ­
  und  48  Mill,  für  ihre  Herren  bebauten.  Von  jenen  Adelsgütern
waren  1859  44,166  mit  7’107,184  männliche  Seelen  für  die  Summe
von  425  503,061  S.-R.  verpfändet,  also  über  %  der  Güter  und  %  der
Leibeigenen.  Noch  in  den  Jahren  1856—59  wurden  an  60,000  Seelen
verpfändet.  —  12,288  männl.  Seelen  gehörten  3703  Edelleuten  die
gar  keine  Güter  besassen;  sie  waren  somit  Sclaven  in  der  eigentlichen
Bedeutung.  —  Nach  den  von  obigen  etwas  abweichenden  Angaben  Aug.
Jourdiers  war  die  Vertheilung  folgende:

mit  weniger  als  21  Leibeigenen
—  21  —  100  —
101—500
501—1000
-  mehr  als  1000
-  ohne  Grundbesitz  .  .  .

Besitzer
47,465
35,441
19,500
2,433
1,457
5,506
117,404

Männliche
Leibeigene
357,946
P62b,644
3*858,085
1*591,631
3*265,842
15,390
10*733,128

Ein  einziger  Adeliger  besass  etwa  150,000  Leibeigene  ;  Besitzer  von  mehr
als  20,000  rechnete  man  6,  von  10—20,000  23.

Ursprünglich  waren  nur  die  zahlreichen  Haus-  und  Hofleute,  aus
Kriegsgefangenen  und  deren  Nachkommen  bestehend,  Sclaven;  die  Bauern
aber  waren  freie  Pächter,  welche  jeden  Georgstag  (Juriews  -  Tag)  den
Pacht  aufgeben  und  weiter  ziehen  konnten.  Ein  Ukas  vom  21.  Nov.
1601  hob  die  Freizügigkeit  auf,  und  fesselte  den  Bauer  an  die  Scholle,
welche  er  am  letzten  Georgstage  bewohnt  hatte.  Dadurch  ward  er  indess
  noch  nicht  leibeigen.  Die  Leibeigenschaft  scheint  auch  nicht  durch
ausdrückliches  Gesetz,  sondern  durch  Missbrauch  der  Gewalt  seit  Peter  1.
eingeführt  worden  zu  sein.  Das  Loos  der  Unglücklichen  versclilimmerte
sich,  als  man  Fabriken  einführte  und  viele  von  ihnen  zwang  in  denselben ­
  zu  arbeiten.  Indessen  ergab  sich  meistens  ein  schlechter  Ertrag,
wenn  man  anders  nicht  die  Leibeigenen  für  ihre  Rechnung  arbeiten  Hess.
—  Da  bildete  sich  das  später  sehr  verbreitete  System  aus,  wona^  die
Unglücklichen  sich  selbst  Arbeit  suchen  durften,  dagegen  ihren  Herren
alljährlich  eine  gewisse  Summe  entrichten  mussten.  Da  der  Ackerbau
den  Russen  nicht  sehr  zusagt,  sie  vielmehr  ein  Wanderleben  oder  mindestens ­
  wechselnde  Beschäftigung  lieben,  so  wurden  viele  Leibeigene
Kaufleute,  Handwerker,  Fuhrleute,  Schiffer  etc.  Manche  erwarben  sich
Kolb,  Statistik.  4.  Aufl.  9
            
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