Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

524  AIJjGEMEINE  VERHÄLTNISSE.  —  Helrath  von  Verwandten.

fassten  Verhältnisses  gedacht  werden.  Es  betrifft  die  ungenügende
Lufterneuerung,  zumal  in  Kasernen,  Spitälern  und  Strafanstalten,  mehr
oder  minder  aber  in  den  Wohnungen  aller  ärmeren  Classen.  —  Die
Sache  erscheint  um  so  wichtiger,  wenn  wir  berücksichtigen,  dass  ungefähr ­
  '/lo  aller  Todesfälle  durch  Lungensucht  oder  andere  Krankheiten
der  Athmungsorgane  veranlasst  wird.
Der  schwedische  Oberarzt  Dr.  Liljewalch  war  unseres  Wissens
der  Erste,  welcher  die  enorme  Sterblichkeit  in  den  stehenden  Heeren
(vorzugsweise)  dem  Mangel  eines  genügenden  Quantums  frischer  Luft
in  den  Kasernen  beimass.  Er  berechnete,  jeder  Soldat  bedürfe  den
Raum  von  48  Cubikmetern,  während  das  schwedische  Kasernereglement ­
  auf  S  Cubikmeter  per  Kopf  berechnet  sei.  Allein  mit  Recht  erinnerte ­
  Boudin  ;  Die  Bestimmungsweise  von  so  und  so  viel  Cubikmeter
Raum  sei  nicht  besser,  als  wenn  man  die  Lebensmittel  nach  deren  V  olumen
  bemessen  wollte,  ohne  Rücksicht  auf  den  Nahrungsgehalt.  Nicht
sowol  diese  oder  jene  Cubikmeterzahl  Luft,  welche  auf  jede  Bettstelle
treffe,  als  vielmehr  die  Erneuerung  der  Luft  sei  das  entscheidende
Moment,  denn  auch  die  höchste  der  aufgestellten  Zahlen  (35—50  Cubikmeter) ­
  wäre  weitaus  nicht  genügend  bei  einer  wirklichen  (hermetischen) ­
  Abschliessung.  *)  So  bestimmte  man  denn  die  durch  Ventilation
herbeizuführende  Zahl  der  Cubikmeter  für  jeden  Menschen  und  jede
Stunde,  und  zwar  nahm  Roscoe  30  Cubikmeter  als  Minimum  an,
Léon  Duvoir  forderte  40,  Pettenkofer  aber,  dem  wir  die  genauesten  Untersuchungen ­
  verdanken,  hält  00  für  nothwendig.
Gefahren  der  Heirath  von  Verwandten.  Die  Kinder  aus  Ehen  von
Verwandten  sollen  insbes.  einen  ungewöhnlich  grossen  Beitrag  zur  Zahl
der  Taubstummen  liefern.  Während  die  Zahl  der  Ileirathen  von  nähern
Verwandten  in  Frankreich  kaum  2  Proc.  beträgt,  fand  Dr.  Perrin,  dass
unter  den  Taubstummen  zu  Lyon  25%  der  Gesammtzahl  aus  solchen
Ehen  hervorgegangen  waren  ;  I)r.  Boudin  ermittelte  zu  Paris  28,35%,
und  Chazarin  zu  Bordeaux  30,33,  Ijandes  daselbst  sogar  30,30%  (siehe
Boudin,  Etudes  statist,  sur  les  dangers  des  unions  consanguines,  im  Journal ­
  de  la  société  de  Statistique  de  Paris,  1802).  Die  Beweisführung  ist
mittlerweile  angegriffen  worden.  Beachtenswerth  ist  nun  aber  doch  die  Bemerkung ­
  von  Dr.  Karl  Meyer  (Mitglied  des  statist.  Büreaus  in  München), ­
  dass  in  Bayern  unter  der  protestantischen  Bevölkerung  die  Zahl
der  Taubstummen  nach  Verhältniss  noch  einmal  so  gross  ist,  als  bei  den
Katholiken,  was  wol  den  häufigem  Heirathen  unter  Blutsverwandten
bei  den  Protestanten  zuzuschreiben  sei.  Dieselbe  Beobachtung  will  man
auch  bei  den  Israeliten  gemacht  haben.  Die  Theorie  ward  besonders
von  Bewiss  und  Oesterlen  angefochten.  **)
Einfluss  der  Theuerung  auj  die  Zahl  der  Verbrechen.  Im  J.  1840
standen  in  Frankreich  31,708  Individuen  wegen  Diebstahls  vor  Gericht;

*)  Eine  solche  ist  glücklicherweise  gleichsam  unmöglich.  Pettenkofer
(»über  den  Luftwechsel  in  Wohngebäuden«)  hat  berechnet,  dass  durch  eine  5  Meter ­
  hohe  und  6  Meter  lange  gewöhnliche  Wand  jede  Stunde  54  Cubikmeter  Luft
dringen,  wenn  die  I.uftströmung  nur  %  Millimeter  in  der  Sekunde  beträgt.
**)  S.  das  eine  Fülle  des  interessantesten  Stoffes  umfassende  »Handbuch
der  medicin.  Statistik  von  Dr.  Fr.  Oesterlen.  Tübingen  1864.«
            
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