Full text: Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

Anhang-. 
Zur Philosophie der Statistik. 
(Im Wesentlichen nach einem Vortrage des Verf. im geograph.-statist. 
Vereine zu Frankfurt a. M.) 
Es ist ein etwas kühnes Unternehmen, die Aufmerksamkeit einer 
Versammlung während eines ganzen Abends für Statistik in An 
spruch zu nehmen. Ist es auch ein Irrthum, wenn zuweilen behauptet 
wird, die Statistik bestehe nur aus Zahlen, so hates doch seine 
Richtigkeit, dass sich die Statistik vorzugsweise der Zahlen bedient. 
Diese Zahlen aber sind starr, trocken und zurückschreckend. 
Ueberblickt man überdies so manche Reihen dicker Bände kennt- 
niss- und geistlos angefertigter Tabellen, so überzeugt man sich 
leicht, dass damit Niemand angezogen werden kann, wol aber Viele 
zurückgeschreckt werden müssen. Den Meisten ist es einerlei ,^ob diese 
Meere von Zahlen so oder anders aussehen ; sie blicken mit Gleichgiltig 
keit darüber hin. Selten bleibt ein Eindruck, eine Erinnerung zurück, 
es sei denn etwa gar der Eindruck des Widerwillens. 
Berücksichtigt man zudem, für welche Zwecke die Statistik (oder 
was man so nannte) schon missbraucht ward. Nur zu oft (ganz be 
sonders vor einigen Jahrzehnten schien sie keine andere Aufgabe zu 
haben, als der Ostentationssucht der Regierenden zu dienen, und ein 
Mittel für officielle Schönfärberei abzugeben. Welche Erhebungen wur 
den schon angeordnet, und wie wurden sie durchgeführt ; in welcher 
Art hat man die Zahlen gruppirt, um die socialen Verhältnisse eines Lan 
des und Volkes in einem Glanze darzustellen, der nichts anders als ein 
unwahrer Theaterflitter war, zum Verbergen der vorhandenen Armse 
ligkeit, oder zum Aufputzen eines Gewebes von Lug und irug. 
Aber besteht denn das Wesen der Statistik in solchen Dingen 1 Ist 
sie nur vorhanden, um einem derartigen Treiben zur Unterlage zu 
dienen ? 
Wenn diese jüngste aller Wissenschaften trotz des so vielfach mit 
ihr getriebenen Missbrauchs und trotz der Unkenntniss und Unfähigkeit 
Mancher von denen , welche man mit Leitung der Erhebungen und mit 
der Verarbeitung der Ergebnisse beauftragt hat, — gleichwol mehr und 
mehr allgemeine Aberkennung sich erwirbt, — wenn sie täglich mehr 
in alle Gebiete des socialen Lebens eindringt und diese durchforscht, — 
wenn es schon jetzt dahin gekommen ist, dass man auf beinahe gar kei 
nem Gebiet mehr eine ordentliche Stellung einnehmen kann, ohne wenig 
stens einige statistische Kenntnisse zu besitzen, —so liegt bereits der that- 
sächliche Beweis vor, dass diese neue Wissenschaft eben doch etwas 
ganz Anderes als ein leeres Spielwerk sein, dass sie vielmehr hohe in 
nere Bedeutung besitzen muss.
	        
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