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Anhang. Zur Philosophie der Statistik.
adressirten und darum unbestellbaren Briefen. Mit wenigen Wor
ten: es verläuft Alles derart, als ob die verschiedenen Classen vonThat-
sachen ausschliesslich physischen Ursachen unterlägen.« (Ja selbst
die Acte der Mildthätigkeit, die Unterstützungen, die «guten Werke»,
unterliegen den nemlichen Gesetzen.;
Quetelet schliesst so : «Muss man nun, einer solchen Uebereinstim-
mung von Thatsachen gegenüber, die menschliche Willensfreiheit un
bedingt leugnen ? Ich glaube nicht ; ich denke nur, dass diese Willens
freiheit in ihrer Wirkung auf sehr enge Grenzen beschränkt ist und
bei den gesellschaftlichen Erscheinungen die Rolle einer zufälligen
Ursache spielt. Sieht man darnach ganz ab von den einzelnen Indi
viduen, und betrachtet man die Dinge nur im Grossen und Ganzen , so
ergiebt sich, dass die Wirkungen der zufälligen Ursachen sich
neutralisiren und wechselseitig in der Art ausgleichen, dass nur noch
die wahren Ursachen vorwalten, kraft deren die Gesellschaft besteht und
sich erhält. . . . Die Möglichkeit, eine Moralstatistik zu begründen und
nutzbare Folgerungen daraus abzuleiten, ist vollständig von der Fun
damentalthatsache abhängig, dass der menschliche freie Wille sich ver
flüchtigt und ohne merkliche Wirkung bleibt, sobald die Beobachtung
sich über eine grössere Anzahl von Individuen verbreitet. Nur dann
lassen sich die constanten und die veränderlichen Ursachen erkennen, die
das Gesellschaftssystem beherrschen , und man muss auf eine Modification
dieser UrsacJum bedacht sein, wenn man nützliche Aenderungen bewirken will. «
Der edle, tiefblickende Spinoza lehrte bekanntlich : »Die Menschen
glauben nur darum frei zu sein, weil sie zwar ihrer Handlungen sich
bewusst sind, die Ursachen aber nicht kennen, von denen dieselben
bestimmt waren . . . Das Kind meint, es begehre die Milch mit Frei
heit; der zornige Knabe, Er wolle die Rache ; der Feige, Er bestimme
sich zur Flucht; der Betrunkene, Er spreche aus freiem Geistcsentschlusse.
Das Kind, der Thor, der Schwätzer und die meisten Menschen dieser
Art sind derselben Meinung, nemlich dass sie aus freiem Entschlüsse
reden, während sie doch ihrem Drang zum Reden keinen Einhalt thun
können.« —
Was der edle Weltweise Spinoza im Geist erkannte, —es ist durch
die Statistik mit mathematischer Bestimmtheit erwiesen. —
Bleibt uns sonach, wenn die socialen Erscheinungen auf diese Weise
in gleicher Art und gleicher Zahl an uns vorüberziehen, keine Wahl?
— müssen wir einfach uns in stoische Ruhe hüllen, oder im Glauben an
einen unüberwindlichen Fatalismus den Dingen zuschauen wie sie eben
kommen mögen?
Das sei feme!
Gerade hier zeigt sich die P erfec tibilität unseres Geschlechtes.
Die fortschreitende Ausbildung der Statistik wird uns mehr und mehr in
den Fall setzen, die Wirklichkeit genau und richtig zu erkennen, und
damit werden wir auf den Weg geleitet, der uns zu zweckmässigen Mit
teln der Verbesserung führt. Nicht das Aufstellen neuer Moral
oder Kirchengesetze, noch die weitere Entwicklung der alten, wird im
Stande sein, den Zustand der menschlichen Gesellschaft wesentlich zu