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Alle diese Versieht,smassregeln haben aber in Wahrheit
gar nicht den Zweck, einen Goldahiiiiss zn verhindern, sondern
sie sollten lediglich deshalb ergrüben werden, um die voll
ständige Sättigung des Verkehrs mit Gold möglichst rasch
durchführen zu können. Je weniger Goldmünzen man für
fremde Schmelztiegel prägen muss, desto rascher hat man den
wirklichen normalen Goldumlauf im Lande erreicht. Eine
Gefahr für die Durchführbarkeit der Goldwährung kann aber
selbst daraus, dass man diese Vorsichtsmassregeln nicht ergreift
und Gold also wirklich abströmt, nicht im Entferntesten er
wachsen , vorausgesetzt natürlich, dass man im Besitze genü
gender Baarmittel ist, um die unbedeckten Noten einzulösen.
Der Verkehr , dem man das papierno Umlaufsmittel nimmt
und dem zum Ersätze desselben kein anderes als das goldene
übrig bleibt, wird sich dieses goldene nicht nehmen lassen,
sich keinesfalls mehr davon nehmen lassen, als er wirklich
entbehren kann.
’) In Seyd’s sonst von genauer Faclikenntniss zeugender Darstellung
der Gesetze des Geldverkehrs obwaltet eine bedauerlielic Regriffsver-
w'irrung zwischen Geld und Capital. Ini internationalen Verkehre ist ihm
Armiith und Reichthuni, Bedürfniss oder Ueherfluss an Geld gleichbedentend
mit Armuth oder Reichthum überhaupt. Und aus diesem grundsätzlichen
Fehler erklären sich zahlreiche Widerspruche in den sonst so schätz
baren Auslührungen dieses Verfassers. So behauptet er z. B. knapp hinter
einander, dass die international armen Nationen im Gegensätze zu den
international reichen fortwährend geldbedürftig seien, dass das Geld von ihnen
immer abstrome und dass das Geld dort hi A ströme, wo der Zinsfuss am
höchsten ^sei. Es sind das ebensoviel logische Widersprüche. Wenn Geld
dorthin strömen würde, wo der Zinsfuss am höchsten ist, so müsste es nicht,
wie Seyd meint, von den international armen nach den international reichen,
sondern umgekehrt stets von den reichen zu den armen Ländern in Bewegung
sein. Und ebenso ist es nicht recht erklärlich, dass das Geld regelmässig von
dort abHiessen soll, wenn man dessen gerade am dringendsten bedarf. Die
Wahrheit ist, dass die internationalen Geldströmungen weder mit der Frage
des Reichthums noch direct mit der Frage des Zinsfusses etwas zu thun
haben. Um hier wohl zu unterscheiden, muss man sich vor Augen halten:
erstlich, dass ein geldreiches oder ein geldarmes Land deshalb allein noch
durchaus nicht reich oder arm im Allgemeinen zu sein braucht, ja dass, wie
im V. Capitel des I. Buches einmal bereits nachgewiesen wurde, in der Regel
die reicheren Länder verhältnissmässig geldärmer sind als die ärmeren. Das
Geld allein ist ebensowenig der Repräsentant des Capitals oder auch des Ver
mögens des Einzelnen wie eines gesammten Landes, als dies beispielsweise