Religiöse Heuchelei
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Man müßte eine solche Entwürdigung des Namens
Jesus erbärmlich nennen, wenn nicht die Parallele zwischen
Christus und Lassalle allzu albern und kindisch wäre. Aber
die Absicht dieser Berbindung läßt sich leicht erkennen. Die
Lasiallcaner vergöttern ihren Meister und machen Jesus
znm Postament für das Götzenbild des „großen" Laffalle.
Von solchen Albernheiten, durch welche die Begeisterung
für den Socialismus bis zu einem religiösen Fanatismus
hinaufgeschraubt werden soll, hält der „Volksstaat" sich frei.
Er protestirt gegen die Vergötterung Lasialle's und schreibt
(1873, 32) mit Bezug auf den mitgetheilten Leitartikel des
„N. Social-Demokrat" :
„Jesus von Nazareth ist todt! Es lebe Ferdinand
„Laffalle." — Mit Mühe und Noth fängt die Welt jetzt
„an, von dieser „achtzehnhnndertjährigen Krankheit" des Chri-
„stenthums zu genesen, und da konimt ein Blatt, welches
„sich Organ der „Social-Demokratie" nennt, ja das einzig
„wahre Organ der einzig wahren Social-Demokratie — und
„sucht den Arbeitern das alte glücklich ausgeschwitzte Gift
„unter neuem Namen wieder in den Schädel zu schaffen.
„Jesus von Nazareth, wenn er überhaupt gecebt hat —
„was sehr zweifelhaft — war ebenso wenig Socialist, als
„Laffalle Christ. Die Deniuth, die sich, die Feinde segnend,
„den Widerstand verdammend, ruhig an's Kreuz schlagen
„läßt — und der wilde revolutionäre Trotz des Proletariers,
„der kämpfend gefangen, dem siegreichen Feind seine Ver-
„achtung in’S Gesicht speit, haben gerade so viel mit ein-
„ ander gemein, wie Tölkes Knüppel, der in Eisenach sich so
„lammfromm zeigte, und die pulvcrgeschwärzte Büchse des
„Pariser Kommunehelden. Und den Gründer des Allge-
«meinen deutschen Arbeiter-Vereins unter die Heiligen ver-
« setzen und anbeten, ist genau eben so blödsinnig oder —
Schuster, kie Eociat-Demokratie. 12