Kapitel II. Adam Smith. 85
sprechen könnte!), und die Karl Marx seine schärfsten Argumente gegen
den Kapitalismus liefert.
Kaum hat er aber diesen ersten Versuch gemacht, für den Tauschwert
eine festere Basis als den schwankenden Boden des Angebotes und der
Nachfrage zu finden, als er sogleich Schwierigkeiten auftauchen sieht.
Zunächst, wie soll die auf einen Gegenstand verwendete Arbeit und der
Wert, der davon abhängt, gemessen werden? „Es kann in der schweren
Anstrengung einer Stunde mehr Arbeit stecken als in der leichten Be
schäftigung zweier Stunden und in der einstündigen Ausübung einer
Kunst, zu deren Erlernung man 10 Jahre brauchte, mehr als in dem Fleiß
eines ganzen Monats bei einer gewöhnlichen und leicht erlernbaren Arbeit.
Allein es ist nicht leicht, einen genauen Maßstab für die Mühsal oder die
Geisteskraft zu finden“ 1 ). Außerdem, und hierin liegt ein zweiter Einwurf,
in den zivilisierten Gesellschaften genügt die Arbeit allein nicht zur Her
stellung der Gegenstände; der Grund und Boden und das Kapital wirken
ebenfalls mit; ihr Gebrauch ist aber nicht unentgeltlich; dem, der Je
benützt, kosten sie etwas. Die primitiven Gesellschaften sind daher in
Wirklichkeit die einzigen, sagt Smith, wo gewöhnlich „die zur Beschaffung
oder Hervorbringung einer Ware aufgewendete Quantität von Arbeit das
einzige ist“ 2 ), das ihren Wert bestimmt. Heutigen Tages müssen aber
noch das Kapital und der Grund und Boden in Betracht gezogen werden.
Nie Arbeit kann weder die einzige Quelle, nöch der einzige Maßstab des
Wertes sein.
So sucht denn Smith eine neue Hypothese, und sieht in den „Pro
duktionskosten“ den Faktor, der den Tauschwert wirklich reguliert.
Soeben nannte er den Preis, der sich auf die Arbeit gründet, den „wirk
lichen“ Preis; jetzt nennt er den Preis der nach ihren Produktionskosten
gewerteten Gegenstände den „natürlichen“ Preis. Der Name hat wenig
Bedeutung. Das, was Smith verfolgt, ist stets der wahre Wert, der sich
un s unter der Beweglichkeit des Marktpreises verbirgt. Es ist dasselbe
Problem, dem er eine neue Lösung gibt. Soeben sagte er uns: Wenn eine
Ware sich gemäß der Arbeit, die sie gekostet hat, verkaufen ließe, würde
sie für das, was sie wirklich kostet, verkauft werden. Jetzt versichert
er uns mit nicht geringerer Bestimmtheit, daß eine Ware, die gemäß der
Produktionskosten verkauft wird „genau für das, was sie wert ist, oder
ihr das, was sie demjenigen, der sie feilbietet, wirklich kostet, verkauft
'wird 3 ). Der „wahre“ Wert der Waren ist daher der, der mit ihren Pro
duktionskosten übereinstimmt. Darunter ist zu verstehen die Summe,
die genügt, um zum normalen Preis den Lohn der Arbeit, den Zins des
') Völkerreichtum I, S. 17, B. I, Kap. V.
2 ) Völkerreichtum I, S. 27, B. I, Kap. VI.
3 ) Völkerreichtum I, S. 31, B. I, Kap. VII.