66 Viertes Kapitel. Das griechische Wirtschaftssystem.
(Xenophon, Von den Staatseinnahmen der Athener HI, 2). Die
Münzen auszutauschen, betrieben manche als Gewerbe, sie verlangten
für diese Tätigkeit eine gewisse Bezahlung, die sie dadurch
erhielten, daß sie mehr von den Leuten verlangten, als die Münzen
wert waren, und auf diese Weise oft große Geschäfte machten. Da
sie meist viel Geld zu diesem Geschäft benötigten, um allen Anforderungen
genügen zu können, lieh man ihnen vielfach Geld gegen
Zinsen, wie sie ihrerseits wieder Gelder verliehen, auch wurde es
mit der Zeit Brauch, da sie sowohl Gläubiger als Schuldner in
großem Stil waren und daher überallhin Beziehungen hatten, ihnen
das Eintreiben von Schulden zu übertragen und durch sie Gelder
an dritte Personen auszahlen zu lassen, d. h. sie entwickelten sich
vielfach zu Vermögensverwaltern der Geldbesitzer; wenn diese überdies
ihnen das deponierte Geld zur Verwertung übertrugen, so
wurde der Geldwechsler zum Bankier.
Der Zinsfuß war in Griechenland ebenso wie im alten Orient
sehr hoch, seine untere Grenze betrug in diesen Zeiten vielfach
12 0/q. Die Gründe der Höhe des Zinsfußes waren mannigfaltig.
Zum Teil stellte der Zins einen Anteil am Gewinn dar, und da
die Handelsgewinne oft sehr groß toaren, konnte der Geldgeber
auf einen hohen Anteil rechnen. Die Gewinne im internationalen
Handel waren besonders dann hoch, wenn man Ware, die im
eigenen Lande wohlfeil war, zu andern Völkern brachte, welche
— auf einer niederen Kulturstufe stehend, sie hoch bezahlten und
eventuell große Mengen wertvoller Rohstoffe hergaben, die sie
selbst nicht so hoch schätzten wie die zu ihnen kommenden Kaufleute
(Diodor V, 35). Je mehr die verschiedene Wertschätzung der
Völker sich ausglich, desto geringer wurden die daraus entspringenden
Handelsgewinne. Der hohe Zinsfuß des internationalen
Handelsverkehrs wurde dann auch vielfach auf den internen Verkehr
übertragen. Andere Gründe trugen mit dazu bei, den hohen
Zinsfuß zu halten. Zu diesen gehörte das große Risiko, welches
nicht nur durch die wirtschaftliche Lage der Käufer bedingt war,
sondern ebensosehr durch die damals noch sehr unsichern Verkehrsverhältnisse,
die Handelsgeschäfte in größerem Umfange doch recht
bedenklich erscheinen ließen. Der hohe Zinsfuß enthielt so für den
Gläubiger eine Art Versicherungsprämie, indem die glücklichen Geschäfte
den Ausfall der unglücklichen mit zu tragen hatten. Überdies
pflegten die Beziehungen zwischen Gläubiger und Schuldner
im Handelsverkehr nicht so lange zu dauern wie heutzutage, was