bunden ist, das Nationalbewußtsein. Ein hastiger, nationaler
Staat vermag nur da sich auf die Dauer zu ballen, wo ein
stark ausgeprägtes Nationalbewußtsein vorbanden ist. Es ist
daber keine allzukühne Behauptung, daß nur solche Völker im
nationalen Kampfe um das Dasein bestehen, welche eine be-
deutende Nationalliteratur zu erzeugen vermochten. Keineswegs
ist es bloßer Zufall, daß die politische Ohnmacht Deutschlands
am größten war, als mit dem Eindringen fremder Literaturen
die eigenen literarischen Schatze, welche die Glanzperiode des
Mittelalters geschaffen hatte, vergessen wurden, daß aber dem
gewaltigen Aufschwünge der detttschen Nationalliteratur seit der
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch die politische
Einigung und Kräftigung folgte.
Die d.ntsche Nationalliteratur wird, was Reichhaltigkeit
und inneren Gehalt anbelangt, von keiner anderen übertroffen,
von sehr wenigen erreicht. Allein die Namen Göthe und
Kant würden hinreichen, ihr unter den Literaturen der Welt
für alle Ewigkeit einen der ersten Plätze zu sichern. Sie ist für
das gegenwärtige und für alle kommenden Geschlechter eine
unerschöpfliche Fundgrube für wahre Bildung und gediegenes
Wissen. Selbstverständlich kann die Nationalliteratur ihre hohe,
für die Entwickelung der Nation unendlich wichtige Aufgabe
nur erfüllen, wenn sie von allem Unedlen und allem Fremdar
tigen, das den Nationalcharakter zu verderben geeignet ist, sich
möglichst frei erhält. Eine verderbte und oberflächliche Literatur
kann der Nation zu namenlosem Unglück gereichen und gera
dezu ihren Untergang veranlassen. Die Franzosen verdanken
ihr politisches Unglück nicht zum mindesten ihrer theils seichten
und schlüpfrigen, theils sich in hochtrabenden Redensarten be
wegenden Literatur. Tie Phrasen eines Lamartine, eines Vic-