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vor Kurzem in Holland sehr rege Argwohn gegen den mächtigen
deutschen Nachbarn soll übrigens in letzter Zeit dem rückhalt-
losen Vertrauen aus dessen Gerechtigkeitssinn so gut wie voll
ständig Platz gemacht haben; ja, es werden drüben bereits
Stimmen laut, welche einen näheren Anschluß an Deutschland
als in beiderseitigem Interesse liegend erachten. Man weiß
recht wohl, daß, wenn der offenkundige Herzenswunsch der
Franzosen, die Erwerbung des linken Rheinufers, in Erfüllung
gehen sollte, nicht allein Deutschland und Belgien, sondern auch
Holland darunter zu leiden haben würde. Indeß nicht nur rein
politische, sondern vor allen Dingen auch wirthschaftliche Gründe
lassen einen solchen Anschluß beiderseits als wünschenswerth
erscheinen, worauf bereits der unvergeßliche Justus Möser
in seinen „Patriotischen Phantasien" mit Nachdruck hingewiesen
hat. Friedrich List nennt Holland bezeichnender Weise einen
der „großen Brückenköpfe" des deutschen Zollvereins.
Das „Statistische Jahrbuch für das Deutsche Reich" (Sechster
Jahrgang 1885) giebt 42,026 im Deutschen Reiche geborene
Personen für die Niederlande an; doch wird die wirkliche Zahl
sicherlich eine beträchtlich höhere sein. Besonders in Rotterdam
leben zahlreiche Landsleute. Der dortige ..Deutsche Bürgerverein"
giebt seit Kurzem ein eigenes Blatt, die „Deutsche Bürgerzeitung",
heraus. Derselbe Verein beabsichtigt nach der „Deutschen Post
die Einrichtung einer deutschen Schule; ferner ist die Begründung
einer Bibliothek, einer Abend- und Sonntagsschule für Hand-
werkcc und Arbeiter und die regelmäßige Abhaltung von deut
schen Vorlesungen beschlossen worden.