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dürfen indessen nicht vergessen, dass sich diese Ziffern auf Westfalen be
ziehen, wo die Schweinezucht schon vor 100 Jahren in grosser Blüte stand.
(Westfälischer Schinken!) Immerhin werden auch hier wohl Gewichte von
400 und 500 Pfd. nur in Ausnahmefällen, bei alten Tieren und voller
Mästung erreicht worden sein. In den andern Teilen Deutschlands waren
die Durchschnittsgewichte bei weitem nicht so hoch. Schon beim Fürsten-'
tum Minden bemerkt Schwerz: 1 ) „Da man die Körner spart, so darf man
auf keine schwere Schweine zählen. Kleine Haushaltungen sind froh, wenn
sie selbe auf 80—100 Pfd. bringen. In gehörigen Wirtschaften wiegen
sie jedoch 180—240 Pfd. Wir sind hier also nicht mehr in Westfalen!“
Von der Grafschaft Ravensberg schreibt er: 2 ) „Nach den Schweinen zu
urteilen, gehört diese Provinz nicht zu Westfalen. Man schlachtet zu 90,
110, 130, 150 Pfd. Was mehr wiegt, ist ausser der Regel.“ Dieterici
gibt nach den Ergebnissen der Akzise das durchschnittliche Schlachtgewicht
eines Schweines in Preussen im Jahre 1802 nur zu 70 Pfd. an. Im Jahre
1895 betrug dagegen nach Huckert 8 ) das durchschnittliche Schlachtgewicht
eines Schweines in den 35 grössten Städten Deutschlands 85 kg oder
170 Pfd. Die Viehzählung von 1900 zeigt als Durchschnittsgewicht eines
lebenden Schweines im Alter von 1 Jahr und darüber 119 kg oder 238 Pfd.
Nach diesen Ziffern erscheint die Annahme gerechtfertigt, dass die Schweine
heute etwa doppelt so schwer werden wie vor 100 Jahren.
Neben der Zunahme des Körpergewichts bleibt aber noch die Be
schleunigung des Umsatzes zu berücksichtigen. Die extensive Haltung
brachte es früher mit sich, dass die Schweine, die ohnehin einer spät
reifenden Landrasse angehörten, sich länger auf den Weiden herumtrieben,
als es nach unseren heutigen Begriffen zweckmässig war; in der Regel
wurden sie erst im 3. Lebensjahre mehr oder weniger stark gemästet und
geschlachtet. Heute sucht man dagegen möglichst frühreife Rassen zu
züchten und die Tiere, soweit sie nicht zur Zucht verwendet werden, durch
intensive Fütterung möglichst rasch zu mästen, so dass sie schon im Alter
von 9—12 Monaten an den Fleischer kommen können. Die dadurch be
wirkte Beschleunigung des Umsatzes ist also eine sehr bedeutende.
P- Wagner bewertet dieselbe unter der Annahme, dass das durchschnitt
liche Schlachtgewicht der Schweine früher 2 3 / 4 Jahre, zu Ende des Jahr
hunderts dagegen nur 1 Jahr betrug, mit 175 %. Uns erscheint diese
Ziffer etwas zu hoch, weil immerhin ein beträchtlicher Prozentsatz der
Schweine auch früher schon in einem jüngeren Alter als 2 3 / 4 Jahre zur
Schlachtbank kam; 100% halten wir indessen für das Minimum, das man
mit Sicherheit annehmen kann. Eine solche Beschleunigung in der Er
neuerung der Herde wurde auch schon dadurch ermöglicht, dass die Säue
heute in der Regel zweimal im Jahre Ferkel werfen, während inan sich früher
bei der extensiven Schweinehaltung meist mit einem Wurfe jährlich begnügte.
0 A. a. 0. I, S. 57.
2 ) I, S. 91.
3 ) Zur Geschichte und Statistik des Fleischkonsums in Deutschland; Zeitschrift für
Sozialwissenschaft, III. Jahrg. 1900.