Full text : Schutz dem Arbeiter!

"Nach  Ansicht  des  Kaisers  verlangt  die  Arbeiterfrage  die  Aufmerksamkeit ­
  aller  civilisirten  Nationen,  seitdem  der  Friede  der
verschiedenen  Bevvlkerungsklassen  durch  den  Wettbewerb  der  Industrie
bedroht  erscheint.  Nach  einer  Lösung  dieser  Frage  zu  suchen,  ist  nun-^

  „Erhabener  Papst!  Die  edlen  Kundgebungen,  durch  welche  Ew.  Heiligkeit  allzeit
^jhren  Einfluß  zu  Gunsten  der  Armen  und  Verlassenen  der  menschlichen  Gesellschaft  gellend
gemacht  haben,  geben  Mir  die  Hoffnung,  daß  die  internationale  Conferenz,  welche  auf
Meine  Einladung  am  15.  d.  M.  in  Berlin  zusammentritt,  das  Interesse  Ew.  Heiligkeit
auf  sich  ziehen  wird  und  daß  Ew.  Heiligkeit  mit  Sympathie  dem  Gang  der  Erörterungen,
welche  die  Verbesserung  der  Lage  der  Arbeiter  bezwecken,  folgen  werden.
„Deshalb  erachte  Ich  es  als  Meine  Pflicht,  Ew.  Heiligkeit  das  Programm  zugehen
zu  lassen,  welches  als  Grundlage  für  die  Arbeiten  der  Conferenz  dienen  soll,  deren  Erfolg
ganz  besonders  geförden  werden  würde,  wenn  Ew.  Heiligkeit  dem  Werke,  welches  Ich  verfolge, ­
  Ihre  wohlthätige  Unterstützung  leihen  wollte.  Ich  habe  daher  den  Fürstbischof  von
Breslau,  welchen  Ich  von  den  Intentionen  Ew.  Heiligkeit  durchdrungen  weiß,  eingeladen,
als  Mein  Delcgirter  an  der  Conferenz  Theil  zu  nehmen.
„Ich  ergreife  gern  die  Gelegenheit,  um  Ew.  Heiligkeit  die  Versicherung  Meiner
Hochachtung  und  Meiner  persönlichen  Ergebenheit  zu  erneuern.
(gez.)  Wilhelnl.  (gegcngez.)  von  Bismarck."
Das  Antwortschreiben  Sr.  Heiligkeit  Papst  Leo  XIll.  an  Kaiser  Wilhelm  lautet:
„Majestät!  Wir  danken  Ew.  Majestät  für  das  Schreiben,  das  Dieselben  freundlichst
an  Uns  gerichtet  haben,  um  Uns  für  die  internationale  Conferenz  zu  interessiren,  welche
in  Berlin  demnächst  zusammentreten  wird,  um  die  Mittel  zur  Verbesserung  der  Lage  der
arbeitenden  Klassen  ausfindig  zu  machen.
„Es  ist  Uns  vor  Alleirr  angenehm,  Ew.  Majestät  dafür  Glück  zu  wünschen,  dast
Sie  sich  einer  so  edeln,  ernster  Beachtung  so  würdigen  und  die  gesanimte  Welt  interessirenden
Sache  so  warm  angenommen  haben.  Diese  Angelegenheit  hat  übrigens  Uns  selbst  immerfort ­
  beschäftigt,  und  das  von  Ew.  Majestät  unternommene  Werk  entspricht  einem  Unserer
lebhaftesten  Wünsche.  Schon  in  der  Vergangenheit  haben  Wir,  wie  Ew.  Majestät  sich
erinnert,  Unsere  Gedanken  über  diesen  Gegenstand  kundgegeben,  raid  neben  Unsern  eigenen
Ausführungen  haben  Wir  zu  seinen  Gunsten  auf  die  Lehre  der  katholischen  Kirche  hingewiesen, ­
  als  deren  Haupt  Wir  noch  bei  einem  neuerlichen  Anlaß  diese  Lehre  von  neuem  in
Erinnerung  gerufen  haben.  Damit  diese  schwierige  und  wichtige  Frage  nach  allen  Regeln
der  Gerechtigkeit  gelöst  werde,  und  damit  die  berechtigten  Interessen  der  arbeitenden  Klasse
gebührend  gewahrt  seien,  haben  Wir  Allen  und  Jedem,  die  Regierungen  mit  einbegriffen,
die  Pflichten  und  besondern  Verbindlichkeiten,  die  ihnen  obliegen,  auseinandergesetzt.
„Ohne  jeden  Zweifel  wird  dies  vereinigte  Vorgehen  der  Negierungen  mächtig  zur  Erreichung ­
  des  so  sehr  ersehnten  Zieles  beitragen.  Die  Uebereinstimmung  der  Gesichtspunkte
und  Gesetze  wird,  in  so  weit  wenigstens,  als  es  die  verschiedenen  Verhältnisse  der  Orte  und
Länder  gestalten,  die  Frage  einer  billigen  Lösung  um  ein  gutes  Stück  näher  führen.  Auch
werden  Wir  alle  auf  die  Hebung  der  Lage  des  Arbeiterstandes  zielenden  Berathungen  der
Conferenz  auf's  wärmste  unterstütze»,  so  z.  B.  eine  den  Kräften,  dem  Alter  und  dem
schlechte  eines  sederi  besser  angepaßte  Vertheilung  der  Arbeit,  die  Ruhe  am  Tage  des
Herrn  und  im  Allgemeinen  alles,  was  die  Ausbeutung  des  Arbeiters  als  eines  gemeiueu
Werkzeuges  ohne  Rücksicht  auf  seine  Menschenwürde,  seine  Sittlichkeit  und  seinen  häuslich^
Herd  hindert.
            
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