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Handelskammer zu Lübeck.
„Glicht günstig wirkte dic Ungewißheit hinsichtlich ber Neugestaltung der
Handelsverhältnisse der meisten Staaten, nach Ablauf der Handelsverträge im
Fabre 1892. Auf eine Beseitigung der Zollschranken war nicht z» rechnen, aber
Aenderungen standen überall bevor und deren Richtung und Umfang war un
bekannt Tiefe Ungewißheit macht sich im Handel noch störender bemerkbar, ale
die bestimmt vorliegende Thatsache einer Beschränkung dee Verkehrs; sie vermebrt
die Möglichkeit etneo Verlustes und lähmt damit die Unternehmungslust. Deshalb
in auch allseitig der Abschluß neuer Handelsverträge so dringend empfoblen und
gefördert worden und desbalb ist der nun gegen Ende dee Jahres erfolgte Ab.
schluß einer ganzen Reihe von Verträgen hoch willkommen zu beißen. Wenn
auch die gewährten Erleichterungen für den Handel und Verkehr sich unter dem
erwünschten Maaß balte», so ist doch schon in der durch Staatsverträge ge
schaffenen Beständigkeit der Verhältnisse oder wenigstens doch der Sicherbeit vor
Erböbung der Zölle eine feste Grundlage für die Entfaltung einer regen gefchäft.
lichen Thätigkeit gegeben. Erhöbt wird der Werth der Verträge noch dadurch,
daß sie auf eine längere Reihe von Jabren abgeschlossen sind. Anzustreben bleiben
Verträge zwischen Rußland und Finnland, Schweden und Norwegen sowie Däne
mark einerseits und dem deutsche» Reich andererseits, zwecks Ermäßigung und
Bindung der gegenseitigen Eingangszölle. Die lebhaften geschäftlichen Ver-
bindungen mit den genannten Ländern würden sich dadurch wesentlich gefördert
und gefestigt sehen.
„Erleichtert würde der Abschluß von Handelsverträgen werden, wenn die
schutzzöllnerische Bewegung in den nordischen Ländern zum Stillstand käme.
Neueren Nachrichten zufolge soll das nach mancher Richtung in Schweden der
Fall sein. Namentlich wird envartet, daß die Regierung mit Anträgen auf
.Herabsetzung der Lebensmittelzölle vorgeben werde. Schon früher wurden prat-
tische Erfolge der freihändlerischen Gegenbewegung erhofft, aber es ergab sich,
daß in Schweden ebenso wie in Nordamerika die Schutzzölle leichter eingeführt
als beseitigt sind.
„Ungeachtet der nicht schlechten Ernte in Deutschland, sowie der Mißernte
und der Ausfuhrverbote in Rußland, bat die Getreideeinfuhr hier sich im Jahre
1891 höher gestellt als im Fabre 1890, nur von Hafer ist weniger eingeführt.
Der hiesige Getreidehandel war vor dem Eintritt der russischen Ausfuhrverbote
bemüht, durch Heranziehung bedeutender Getreidemengen an seinem Theile zur
Versorgung Deutschlands mit Getreide beizutragen."
Nachtrag.
Handelskammer zu Halberstadt.
„Wie weit die neuen Handelsverträge mit Oesterreich-Ungarn, Italien und
Belgien und die in weiteren Vorlagen zu erwartenden Trattate mit der Schweiz
und Spanien geeignet sein werden, einen Ersatz für unsere Exportvcrluste und die
Anregung zu neuen Anstrengungen in unserem Auslandhandel zu geben, muß ab
gewartet werden Wir sind keine Gegner des Eonventionaltarifs, sondern wir
haben in unseren Denkschriften und Vorstellungen an die Reichs und preußische
Staatsregierung darauf hingewiesen, daß zur Wiedergewinnung von Ruhe und