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1>. Königreich Sachsen.
Handels- und Gewerbekammer zu Chemnitz.
„In unseren, Berichte über die allgemeine Lage von Handel und Industrie
des Kammerbezirks für das Jahr 1890 hatten wir bereits darauf aufmerksam ge
macht, daß der für unö wichtigste industrielle Zweig, die Wirkwaarenbranche. unter
der Einwirkung deS Abschließungssysteme vieler Staaten, nach welchen die Er
Zeugnisse unserer Erwerbsthätigkeit bisher Absatz fanden, insbesondere unter dem
Einflüsse der für die Vereinigten Staaten von Nordamerika in Kraft getretenen
sogenanten Mac Kinley-Bill, sehr zu leiden haben würde, und daß günstige Aus
sichten für die Zukunft demnach nicht gehegt werden dürften, wenn cs nicht etwa
der Weisheit unserer Regierungen gelingen sollte, bei den abzuschließenden Handels
verträgen mit Oesterreich Ungarn, Italien ». s. w. so günstige Abmachungen zu
erzielen, daß eine erneute Belebung unserer Industrie und unseres Handels dmcv
dieselben erfolgen könnte. Was zunächst den befürchteten Ausfall insbesondere aur
dem nordamerikanischen Absatzgebiet anlangt, so ist leider zu betonen, daß sich der
selbe zu einer wahren Calamitat, insbesondere für die Wirkwaaren-Jndustlie und
ihre Hilfsbranchen, gesteigert hat.
„Alle Welt sab mit äußerster Spannung der Publikation, dem Inkrafttreten
der neuen Verträge zwischen den :r Bundesstaaten und den zollpolitischen An-
gliedernngen an diese Verträge entgegen, in der Hoffnung, die so dringend
nothwendige Stärkung der eigenen Position durch jene auf lange Zeit hinaus
grundlegenden Abmachungen endlich herbeigeführt und verbürgt zu sehen. Es nt
nicht zu verkennen, daß der Vortheil der durch jene Verträge gewonnenen Stabilität
in den Zollsätzen in gewisser Beziehung günstig wirken dürfte, die Uebereinkommen
sind daher aus diesem Grunde dankbar zu begrüßen, denn die Sicherheit der Be
rechnung ans eine längere Reihe von Jahren hinaus ist durch sie nach dieser
Richtung hin in der Hauptsache erbracht und dem Erwerbsleben förderlich. è>»
verschiedenen Fällen wird allerdings die 12jährige Stabilität dauernd ungünstig
wirken. Der Abschluß von Handelsverträgen ist selbstredend abhängig von der
Einräumung gegenseitiger Zugeständnisse, danach bleibt stets die Möglichkeit
offen, daß ' einzelne Industriezweige sich in ihren Interessen durch dieselben nicht
genügend berücksichtigt, ja unter Umständen sogar geschädigt betrachten. Wenn
auch im Allgemeinen zugegeben werden muß, daß höhere Gesichtspunkte des
GesammtwohleS von einzelnen Zweigen zu Gunsten anderer Opfer verlangen können,
so werden solche Opfer doch stets für die Betroffenen den Eindruck der Enttäuschung
bringen und wir müssen leider berichten, daß sich eine Reihe der wichtigsten unserer
Industriezweige durch jene Verträge als nicht genügend berücksichtigt erachtet und.
wie nus ebenfalls vielfach intensiv betont worden ist, die erwarteten Zugeständnisse
für sie nicht erbracht worden sind.
„Niemand unter unseren Industriellen wird zweifeln, daß die Reichsregierung
vom "besten Willen beseelt gewesen ist. zu 'Nutz und Frounnen des heimischen
Erwerbslebens bei jenen Vertragsabschlüssen zu handeln. Keiner wird behaupten
wollen, daß die deutschen Unterhändler ihre verantwortungsvolle Stellung auch
nur einen Augenblick nicht so ausgefüllt hätten, wie sie es nach besten Kräften zn