Dichtung.
229
rischen Empfängnis hervorgehen: eine Zucht, die freilich ohne
dreinsprechende Aufsicht des Verstandes kaum möglich war.
Das so gewonnene Gerüst der Dichtung aber wird dann mit
einem Wunderwerk von Umkleidungen, die durch idealistische Mal—
mittel geschaffen werden, völlig überdeckt und gleichsam aus—
gebaut: „Stimmungsbilder in allen Spektralfarben“ treten auf
und in allen Tonkombinationen, allen Dissonanzen und Konso—
nanzen und Assonanzen des Geruches und des Tastgefühls, un⸗
erhörte Töne und Farben, satt und glühend, Feuerwerke der Be—
rührungseindrücke und Orgien des Geruches, Vorlieben für
Funkelndes, Sterne, Edelsteine, Zerlegungen der chemischen
Prozesse des Blumenduftes, Luxusgefühle des Glatten, Rauhen:
Fliehende Kühle von jungen Syringen.
Dämmernde Grotten cyanenblau.
Wasser in klingenden Bogen
Wogen —
Auf phosphornen Schwingen
Zehnende Wogen.
Purpurne Inseln in schlummernden Fernen.
Silberne Aste auf mondgrüner Au.
Boldne Lianen auf zu den Sternen.
Von zitternden Welten
Sinkt Feuerthau. (Max Dauthendey.)
Dazu stärkste Mittel zur Intensivierung der Grund—
stimmung neben all den Lilaträumen und den Sensationen
mennigroter Wiesen: ein allumtönendes Geläut der Stimmungs—
malerei, ein aus Abgrundtiefen aufsteigender Hall des Pathos,
ein erhabener Hauch der Sprache — alles in der Richtung des
Feierlichen, Andeutenden, Ungewissen, Ahnungsvollen, Ge—
heimnisreichen:
Das ist die Kunst des großen Hintergrundes
Und das Geheimnis zweifelhafter Lichter;
Das macht so schön die halbverwehten Klänge,
So schön die dunklen Worte toter Dichter.
(v. Hofmannsthal.)
Und zahlreich und in äußerster Verfeinerung sind die Mittel
entwickelt, all diesen Forderungen zu genügen. Da verschwimmt