Full text: Die Sonneberger Spielwaaren-Hausindustrie und ihr Handel

für geistarme wie für talentvolle Jünglinge — ohne Unterschied — so befimbet 
dies, daß auch letztere als ungenügend geschult zu erachten sind, um mit bem 
14. Lebensjahr der Praxis überantwortet werden zu können. Dann dürfte es 
gerathen erscheinen, den Volks- und Bürgerschulenunterricht um ein Jahr zu 
verlängern, dann aber die Jünglinge der Praxis unbehelligt zu überlassen. 
Die bemittelten und höheren Gesellschastsclassen machten für ihren 
Nachwuchs gar keinen Gebrauch von den dargebotenen kunstgewerblichen 
und kunstindustriellen P riv a t-L ehr an sta l-ten, weil sie vom Staat nicht 
organisirt, sanktionirt und protegirt waren. Aber auch die staatlichen 
Lehr statt en jener Richtung übten eine Anziehungskraft selbst in den Kreisen 
nicht aus, welchen die beste Gelegenheit geboten war, von den in kunstin 
dustriellen Berufszweigen erreichbaren günstigen Erfolgen sich zu überzeugen. 
War dem allezeit und überall in Deutschland so, daß man die Jugend 
vorzugsweise die vom Staate vorgezeichneten höheren Schulbildungswege 
durchwandeln hieß, neuererzeit namentlich alle diejenigen, welche zur Be 
rechtigung des einjährigen Militär-Dienstes führen, so war schon daraufhin 
den Bemittelten aus allen Ständen die Losung gegeben, ihre Söhne vor 
zugsweise dem Beamtenstand zuzuführen, der, wie in Deutschland, so in keinem 
anderen Lande eine Menge ruhiger und sicherer Stellungen verheißt. 
So trugen denn auch seit dem politischen Umschwung der letzten Jahre 
die anti-liberalen Regierungen eifrig das Ihrige bei, möglichst viel Jüng 
linge in jener Richtung schulen und den Glauben an die Autorität und die 
Gefügigkeit des Willens ihnen anerziehen zu lassen. Und in der That ist der 
Staat nicht nur bestrebt, das Heer der Beamten zu vermehren, sondern er 
geht auch daraus aus, die Stellung derselben durch die verschiedensten Bevor 
zugungen zur Befestigung seiner eigenen Autorität zu verbessern, in Folge 
dessen die Beamtenstettungen in immer weiteren Kreisen begehrenswerth 
erscheinen, *) zur Schädigung und Beeinträchtigung und nicht zu Nutz und 
Frommen der heiligsten Rechte des Volkes: — seiner politischen Frei 
heit und Unabhängigkeit. 
In den irregeleiteten Volkskreisen, wo es gilt, der Jugend zur Berufs 
wahl mit Rath an die Hand zu gehen, braucht man keine Besorgniß zu 
hegen, daß es in Deutschland an ehrbaren, ertragfähigen und ergiebigen 
Erwerbszweigen mangele. In gewissen Gegenden Deutschlands giebt es 
*) Siehe den Artikel: „Der Rückgang der höheren Bürgerschulen" in Nr. 227 
der Volkszeitung. Berlin 1882.
	        
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