Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 755
Indes an erster Stelle konnte es sich für sie noch nicht
im die schon feineren Aufgaben des Staatslebens handeln; sie
mußte schon glücklich sein, wenn es ihr gelang, aus diesem
Reichskonglomerat von Einzelländern, dessen Finanzen zerfallen
waren und dessen Heer sich nicht zur Genüge bewährt hatte,
einen wirklichen Staat oder wenigstens die Anfänge eines
nodernen Hfterreichs zu entwickeln. Erreichte sie dies Ziel
wenigstens bis zu dem Grade, daß der Einheitsgedanke des
Reiches für immer gesichert schien, und fügte sie ihm noch die
elementaren Wohltaten eines zum Höchsten und Letzten ent⸗
wickelten Absolutismus, Rechtssicherheit und leidliche Gleichheit
der Personen vor Gericht hinzu: so waren Aufgaben gelöst,
im denen sich die Kraft der letzten männlichen Habsburger
vergebens versucht hatte. Und es bleibt der gesicherte Ruhm
Maria Theresias, diese Aufgaben unter der Mitarbeit tüchtiger
Minister wie der Grafen Haugwitz und Chotek und auch des
Fürsten Kaunitz wirklich gelöst zu haben.
In den ersten Jahren aber, der Zeit des Ausganges der
triegerischen Verwicklungen, handelte es sich natürlich an erster
Stelle um eine Wiederherstellung und Weiterbildung des Heeres:
es sollte auf 108000 Mann in den Erblanden und Ungarn
gebracht und mit allem Nötigen für jeden Kriegsfall versehen
derden. Aber nach Lage der Dinge war diese Frage doch
eigentlich nur eine Finanzfrage; und Haugwitz berechnete die
jährlich für den genannten Zweck erforderliche Summe auf
14 Millionen Gulden.
Allein auch damit war schließlich noch nichts gesagt. Wer
sollte die hohen, hiernach notwendigen Einnahmen ständig
aufbringen? Die Zentralverwaltung war dazu völlig unfähig,
zudem stark verschuldet. Man mußte auf die ständische Be—
willigung der einzelnen Länder zurückgreifen, und kam damit
um so mehr mit den Ständen in Zwist, als Maria Theresia
oersönlich den aufgeklärtesten Steuerprinzipien der Zeit huldigte
und daher ebensosehr eine Besteuerung der bisher exemten
Stände, des Klerus und Adels, für gerecht hielt, wie die
Schonung der materiellen Interessen der unteren Stände