Full text: Der Wirtschaftsbetrieb als Betrieb (Arbeit)

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Die Organisation. 
werden müssen, als welche die höhere Lohn- und Gehaltseinstufung, die Gewährung von 
Sondervorteilen bezüglich Wohnung und Beschäftigungsdauer und ähnliche anzusehen sind. 
Der Wirtsohaftsbetrieb selbst hat das Bestreben, eine möglichst vielgestaltige Befehls- und 
Gehaltsstufung der Mitarbeiter einzuführen und beizubehalten, um dadurch die gesamte 
Gefolgschaft aufbereiten zu können, d. h., ein Mittel zu haben, die natürliche positive Auslese 
der Betriebsangehörigen zu ermöglichen. Von Stufe zu Stufe, wie durch immer feiner wer 
dende Siebsysteme, wird das Menschengut ausgelesen und klassiert, um schließlich am Ende 
der Stufenleiter nur den bestgeeigneten und fachkundigsten Mann als Leiter gewinnen zu 
können. Wie alle Ausscheidungsvorrichtungen ist auch dieses System in vielem unvollkommen; 
einmal besteht die Gefahr, daß die Einheit des Betriebes untergraben wird, vor allem aber, daß 
das Gefühl der Zusammengehörigkeit bei der Gefolgschaft und die Zusammenarbeit leidet 1 . 
Ferner sind Eigenschaften, die das Durchlaufen der Stufenleiter begünstigen, nicht immer die, 
welche dem Betrieb erwünscht sind. Besonders die Auswahl der obersten Leiter ist auf diese 
Art in Großbetrieben nicht oder nur sehr selten und unvollkommen möglich 1 2 . Der Grund liegt 
im wesentlichen in der Tatsache, daß die Auswahl nicht nach den wirklichen, sondern nach 
den statt der Wirklichkeit angenommenen repräsentativen Merkmalen erfolgen muß, deren 
Richtigkeit wiederum fast nie klar zu bestimmen ist. Zwar hat jede Befehls- und Arbeitsstufe 
ihre eindeutigen Anforderungen, aber ihre zufriedenstellende Erfüllung besagt noch nicht, daß 
auch die Pflichten der nächsten Stufe ebenso im Sinne des Betriebes erledigt werden können. 
Ein tüchtiger Schlosser ist noch kein tüchtiger Meister und ein tüchtiger Betriebsführer kein 
tüchtiger Unternehmer; „das Führerproblem ist kein Problem der Auswahl, sondern der 
Persönlichkeit, die sich, wenn vorhanden, auch ohne besondere Auswahlmethodik durch 
setzt“ 3 , ist deshalb die landläufige Ansicht. Aber es ist klar, daß auch dieser Fall als natürliche 
Auswahl hierher gehört, mögen die Verfahren der betrieblichen Auswahl auch noch so unvoll 
kommen sein und auch Niohtgeeignete nach oben kommen lassen. Denn das wird oft ver 
gessen: die betriebliche Führerauswahl kann nur negativer Art sein, sofern sie überhaupt 
Erfolg haben soll; der Führer muß trotz aller Hemmungen, die nicht scharf genug sein können, 
sein Ziel erreichen. 
So wird also im Betriebe mit den Menschen ähnlich verfahren wie bei der Aus 
fällung von Stoffen nach bestimmten chemischen Eigenschaften: durch fein unter 
teilte Betriebsstufung wird eine fortlaufende Ausscheidung nach den verschie 
densten Kenntnissen, Fähigkeiten, Eigenschaften, Erfahrungen usw. ermöglicht. 
Die größeren Schwierigkeiten liegen hier in der Veränderlichkeit des Menschen, der 
die Ausleseeinrichtungen bedient und darstellt, und der unter der Einwirkung der 
Kenntnis des Systems sich selbst diesem anpaßt und so den eigentlichen Zweck 
zunichte macht 4 . 
Die natürliche Auswahl der Stoffe und Verfahren im Betriebe erfolgt durch das 
Kennzeichen der technischen Eignung nach den jeweils erforderlichen Merkmalen: 
hohe Betriebs- und Erneuerungskosten, Bruch, schneller Verschleiß, Gefährlich 
keit, Betriebsunsicherheit, je nach Bedarf mangelnde allgemeine Gebrauchsfähig 
keit oder Unbrauchbarkeit für besondere Zwecke sind die Auslesebedingungen. 
Ersatzteilläger, Reparaturwerkstätten, Unfallverhütungsvorschriften und Sicher 
heitsmaßnahmen, Schulungs- und Pflegekurse und ähnliche Einrichtungen sind 
organisatorische Gegenwirkungen. 
Als bedeutsames Mittel der organisatorischen Auswahl muß auch die Werbung 
angesehen werden, die in der Darstellung der betrieblichen Aufgaben zumeist dem 
Vertrieb zugeordnet wird. Sie geht jedoch weit darüber hinaus, lediglich ein 
Hilfsmittel des Absatzes der Erzeugnisse zu sein, ist vielmehr besonders dann, 
wenn sie sich an bestimmte Personengruppen (Bausparer, Beamte, Kranke) mit 
bestimmten Mitteln (Vertreterbesuch, Zeitungsanzeige, Rundfunkvortrag, Kost 
probe, Ansichtssendung) wendet, auch eine eindeutig organisatorische Maßnahme 
der Auswahl seitens des Betriebes, die auf die Anziehung eines ganz bestimmt 
gearteten Stammes von Kunden oder Mitarbeitern hinzielt. 
1 Siehe hierzu Dreyfuß: S. löu.a. 
2 Dr. Vogler deutete auf der außerordentlichen Generalversammlung der Vereinigten 
Stahlwerke AG. am 29. November 1933 in Essen diese Schwierigkeiten an. 
3 Gerhardt: S. 127. 
4 Siehe hierzu Bogdanow: Bd. II, S. 171/77 und Jaspers: S. 32—35.
	        
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