70
I. Buch. Production und Consumtion.
gesund wohnende Menschen gibt. Diese Frage muß zu noch ernstern Reflexionen
auffordern, wenn man sich erinnert, daß die Kriege, welche seit etwa einem
halben Jahrhundert in Europa stattgefunden haben, weder so zahlreich noch
so lange dauernd waren als jene in frühern Jahrhunderten. Wenn man
die socialen Verhältnisse gewisser Zeiten zu Vergleichen herbeizieht und sich
Epochen vergegenwärtigt, in welchen ein ähnlicher, verhältnißmäßig lange
wahrender politischer Friedenszustand geherrscht hat, ohne daß jedoch eine
Umwälzung auf dem Gebiete der Productionsmethoden stattgefunden hätte,
also z. B. die Zustände des römischen Reiches beim Regierungsantritt des
Kaisers Commodus, die Verhältnisse Frankreichs zur Zeit des hl. Ludwig
oder diejenigen des deutschen Reiches zur Zeit der Thronbesteigung Maxi
milians I., so findet man, daß die materiellen Genußmittel dieser Perioden
nur um weniges minder reichlich vorhanden waren, als das in der Gegenwart
der Fall ist, wenn sie überhaupt in geringerer Quantität vorhanden waren.
Warum also genügen all die verschiedenartigen Producte, die auf dem Wege
unserer modernen Productionsvervollkommnungen mit Hilfe der ungeheuern
Hitze unserer modernen industriellen Feuerherde und mittelst der gewaltigen
Hammerschlage unserer mit Dampfkraft betriebenen Eisenwerke erzeugt sind,
nicht zur Befriedigung aller Bedürfnisse? Wie kommt es, daß Zweifel dar
über entstanden sind, ob unsere Nahrungsmittel und unsere Kleidung, unsere
Häuser und unser Hausrath, unsere Bäder und die der Vergnügung im Freien
gewidmeten Stätten, unsere Schmucksachen und Decorationen überhaupt die
jenigen der eben genannten frühern Perioden des Friedens und des Wohl
standes an Güte übertreffen?
So viel steht unter allen Umständen fest, daß gewisse langst vergangene
Zeiten der allgemeinen Prosperität in mancher Hinsicht der Jetztzeit entschieden
überlegen waren. Reichlicher Fleischgenuß war am Ende des deutscheu Mittel
alters im Arbeiterstand sicher allgemeiner, als es jetzt der Fall ist. Dagegen
standen jene Zeiten in andern Beziehungen, gleichfalls ohne jeden Zweifel,
hinter der unsern zurück Man dürfte der Wahrheit wohl am nächsteu
i Man wolle nur bedenken, wie viele Genüsse und Annehmlichkeiten heutzutage
fast allen zugänglich sind, von denen das Mittelalter gar keine Ahnung hatte, oder die
dazumal nur einer größern oder geringern Minderzahl zugänglich waren. Man hatte
z. B. sogar noch im 15. Jahrhundert als Verschlußmittel der Fenster überwiegend
Tapeten, Pergament oder hölzerne Läden. Die schon mehr an den Luxus der Glas
scheiben gewöhnten Italiener jener Zeit staunten über die Glasfenster der Wiener
Bürgerhäuser als über etwas Außerordentliches. In wie vielen bessern Arbeiterfamilien
findet man gegenwärtig gepolsterte Kanapees und andere Möbel, von denen sich im
Mittelalter nur die Reichen träumen lassen konnten! Was aber noch wichtiger ist,
die Versorgung der großen Massen mit den nöthigsten Consumtionsartikeln ist in
unserer Zeit weit besser als in frühern Jahrhunderten gesicherte Es mag sein, daß