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Provinz Kriegsschauplatz war, in einer so starken Weise in Anspruch genommen,
wie dies in keinem anderen Teile Deutschlands jemals eingetreten ist. Die fremden
wie die eigenen Truppen bewegten sich fast ausschließlich auf den Landstraßen,
da ein großer Teil der Eisenbahnen durch Zerstörungen längere Zeit hindurch nicht
betriebsfähig war. Viele Monate lang zog sich die Front durch die Provinz und
der gesamte Nachschub der hier stehenden Truppen belastete das Landstraßennetz.
Hieraus mußte sich eine ungeheuer starke Abnutzung der Straßen ergeben, die
nur für den schwachen Verkehr fast rein landwirtschaftlicher, gering bevölkerter
Gebiete angelegt waren. In vielen Fällen wurde die Straßendecke fast völlig
zerstört; aber auch sonst wurde sie in kurzer Zeit so stark geschwächt, wie es durch
die Abnutzung unter gewöhnlichen Verhältnissen nur im Verlauf von Jahrzehnten
der Fall gewesen wäre. Außerdem erfolgte im Kriegsgebiet die Sprengung sämt-
licher größeren Straßenbrücken. Allerdings haben Provinz und Kreise in gewissem
Umfange Mittel zur Beseitigung der Kriegsschäden an den Straßen erhalten; doch
konnte die endgültige Wiederherstellung größtenteils erst in den Jahren nach dem
Kriege durchgeführt werden, da in den letzten Jahren des Krieges selbst, während
deren in Ostpreußen Ruhe herrschte, Baustoffe sowie Arbeitskräfte sehr knapp
waren, und der Wiederaufbau der Gebäude im allgemeinen zuerst erfolgen mußte.
So kam es, daß zur Zeit der größeren Instandsetzungen an den Straßen nach dem
Kriege die hierfür bereitgestellten Mittel sehr rasch der Entwertung durch die In-
flation anheimfielen und im wesentlichen nur ausreichten, um die besonders kost-
epieligen Teile des Straßennetzes, nämlich die zerstörten Brücken, wieder in Stein
and Eisen endgültig herzustellen. Für die Erneuerung der Straßendecken konnte
dagegen in den Inflationsjahren nur wenig aufgewendet werden, so daß das Straßen-
netz nach Abschluß der Inflation immer noch stark unter den Folgen des Krieges
litt und insbesondere hinsichtlich seiner Widerstandsfähigkeit den Zustand der
Vorkriegszeit nicht wieder erreicht hatte; auf vielen Straßen waren sogar in den
Nachkriegsjahren die Schäden durch den Verkehr der eisenbereiften Lastkraftwagen,
die aus Heeresbeständen stammten, noch bedeutend gesteigert worden. Nach Ab-
schluß der Inflation nahm in Ostpreußen wie im übrigen Reiche der Kraftwagen-
verkehr schnell zu; aber er stieß in keinem Teile Deutschlands auf ein so wenig
geeignetes Straßennetz wie gerade in dieser Provinz, deren. finanzielle Leistungs-
fähigkeit bei weitem nicht ausreichte, um nun in kurzer Zeit alle vom Kriege her-
rührenden Schäden im Straßennetz völlig zu beseitigen, die schwachen Straßen-
decken entsprechend den verstärkten Angriffen der Kraftwagen erheblich wider-
standsfähiger in neuzeitlicher Bauweise auszubauen, die Steinbahnen so weit zu
verbreitern, daß sich auf ihnen überall zwei Kraftwagen begegnen können, und
endlich die Linienführung für den Schnellverkehr zu verbessern.
Die wirtschaftliche Lage der Provinz hat sich durch die Abtrennung vom
Reiche sowie auch durch die politischen Veränderungen in Osteuropa so ungünstig
gestaltet, daß es der Provinz unmöglich ist, aus Steuern wesentlich größere Mittel
als vor dem Kriege für das Straßenwesen flüssig zu machen. Die Provinz war
deshalb fast nur auf ihren Anteil an der Kraftfahrzeugsteuer angewiesen, um ihre
Straßen instandzusetzen und den Anforderungen des Kraftwagenverkehrs anzu-
passen. Um so mehr wirkte es für die Provinz ungünstig, daß die Verteilung der
Kraftfahrzeugsteuer auf die preußischen Provinzen zur Hälfte nach der Fläche
der Provinzen und zur anderen Hälfte nach der Länge der Provinzialstraßen er-
folgte. Aus der Berücksichtigung der Länge der Provinzialstraßen ergab sich
nämlich ein neuer Nachteil für die Provinz. Da, wie oben bemerkt, Ostpreußen
im Ausbau seines Straßennetzes von Anfang an hinter den anderen Provinzen
„urückeeblieben ist. waren in Ostpreußen im Jahre 1875, als die Staatestraßen auf