8. Kap. Der Aufschwung und der Verfall der Nationen. 123
wählen zu müssen ? Wir haben nicht einmal den Trost, uns denken zu können,
daß es sich da um eine ferne Zukunft handle, um die man sich noch nicht
zu kümmern habe. Ganz im Gegentheil. Im Jahre 1890 wurde eine Be
rechnung aufgestellt, die auf den ersten Blick mit ernstlichen Besorgniffen er
füllt: wenn man die Zahl der gegenwärtigen Bewohner der Erde auf
1500 Millionen veranschlagt und annimmt, daß ungefähr 6000 Millionen
Menschen auf der Erde leben sönnen, so würde schon ein jährlicher Ueber-
schuß der Geburten über die Todesfälle von acht pro Mille genügen, um die
^rde binnen weniger denn 200 Jahren vollständig zu bevölkern.
Dagegen lasten sich nun allerdings verschiedene Einwendungen erheben.
Man kann erwidern, daß die Ertragsfähigkeit der Erde bedeutend unterschätzt
worden ist, daß, selbst ganz abgesehen von neuen Erfindungen, eine fünfzehn-
wal oder sogar noch größere Bevölkerungszahl auf derselben ihren Unterhalt
finden könnte und daß infolge des wiffenschaftlichen Fortschritts auf unserem
Erdball möglicherweise sogar noch für einmal oder zweimal soviel Menschen
Nahrung beschafft werden könnte. Nehmen wir indessen an, daß die erstere
Ņerechnìlng dennoch auf Wahrheit beruhe, so bleibt noch immer zweierlei
zu beachten.
Ans der Geschichte wissen wir, daß die Erde schon seit viel längerer
3eit bewohnt ist, als man früher annahm, und daß es schon im grauen Alter
tum hoch civilisirte und volkreiche Staaten gegeben hat, die dann zu Grunde
ñegangen sind. Warum haben nun die alten Reiche Guatemala und Kam
bodscha, warum hat das alte Persien und das alte Chaldäa nicht an Ueber-
üölkernng zu leiden gehabt? Warum haben sich jene Völker nicht alle 50 Jahre
verdoppelt? Diese Frage läßt sich leicht beantworten. Ein jedes, auch das
ßüchst civilisirte Volk ist von zweierlei Feinden bedroht: von schweren Kata-
strophen und von der Eorruption. So kommt es denn, daß ein Ueberschuß
ber Geburten über die Todesfälle von 10—20 auf 1000 Menschen eine Art
Versicherung gegen ein plötzliches furchtbares Ueberwiegen der Todesfälle dar-
şiellt, wie es von Zeit zu Zeit vorzukommen Pflegt, die Wirkung einer in
Zukunft wahrscheinlich zu erwartenden Abnahme der Geburtenzahl abzuschwächen
kstimmt ist. Die hauptsächlichsten unter solchen Katastrophen sind Seuchen
Unb Kriege. Hnngersnöthe, Überschwemmungen, Erdbeben u. dgl. haben einen
wehr oder minder localen Charakter, sind leichter zu verhindern und wirken
!" ber Regel weniger furchtbar. Auch die Seuchen haben in unserer Zeit
Ulfolge der Fortschritte in der Heilkunde und der sanitären Vorsichtsmaßregeln
wel von ihrer verheerenden Kraft verloren. Aber Kriege, sowohl auswärtige
ws Bürgerkriege, drohen noch immer, und es ist keine Aussicht dazu vorhanden,
uß man sie wird vermeiden können. Sie vermögen aber die seit langer Zeit
währende Blüthe eines Volkes binnen wenigen Jahren zu vernichten. Es