9. Kap. Die Güterconsumtion im allgemeinen.
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Genüsse mittelst Leiden und schädlicher Wirkungen für dritte ermöglicht werden.
Dahin gehört die Anfertigung von Kleiderstoffen in Farben, die nur mittelst
gesundheitsschädlicher Vorgänge hergestellt werden können. Ebenso verdam-
menswerth ist es aber auch, Parke oder Jagdgebiete durch die Zerstörung
der Wohnungen und der Anwesen armer Leute zu schaffen, ohne daß für
diese letztern in entsprechender Weise Sorge getragen wird 1 .
Die Frage ob und inwieweit der Luxus etwas volkswirtschaftlich Nütz
liches sei, ist verschieden beantwortet worden. Dieselbe ist indessen nicht schwer
lösen. So sehr es anerkannt werden muß, daß der übermäßige wie
der raffinirte Genuß den Einzelnen zu sittlichem Nachtheil gereichen können,
und daß solche Uebertreibungen insofern auch ein volkswirtschaftliches Uebel
werden, als die Schaffenskraft und der Fleiß der Betreffenden infolge über-
triebenen Genußlebens abnehmen und als Arbeitskräfte und Kapital der Er
wägung nützlicher Gegenstände entzogen werden, welche, wenn in größerer
Menge erzeugt und dadurch verbilligt, auch in weit größerem Umfange con-
şumìrt würden und einer weit größern Anzahl von Menschen Wohlbehagen
und Kraft verschaffen könnten 2 , so muß doch andererseits auch betont
werden, daß der Luxus, soweit er nicht unmoralisch wird und unmoralisch
^îŗkt, die bedeutendsten wirtschaftlichen Vortheile hervorbringt. Es ist un
bestreitbar, daß der Consum von Gegenständen, deren geschmackvolle Form bei
ber Herstellung große Geschicklichkeit sowie zeitraubende Arbeit erfordert und
deshalb vielen Arbeitern Beschäftigung gibt und so hohe Löhne verschafft, wie
şie nur den begabtern und geübtern Arbeitern gezahlt werden, an und für
şich volkswirtschaftlich nützlich ist. Die Talente der mit der Herstellung solcher
Gegenstände beschäftigten' Menschen würden ohne das Luxusbedürfniß der
Reichen keine Verwerthung finden. Wer wollte nicht die hohe Bedeutung
anerkennen, welche die Lyoner oder Krefelder Seidenindustrie, die Hanauer
^ijouteriewarenfabrikation, die hoch entwickelte Mosaikindustric der Städte Florenz
und Nom und die Verfertigung von Glaswaren der gefälligsten Art, wie sie in
knedig und in Böhmen betrieben wird, für die betreffenden Länder und Gegenden
huben t Und wie vielen Menschen verschaffen die persönlichen Dienstleistungen,
welche ein luxuriös entwickeltes Culturleben mit sich bringt, einen sehr aus-
' Der Ausdruck .Luxus' wird in verschiedenem Sinne gebraucht. Adam smith
IJ- versteht darunter alles dasjenige, was nicht zu dem für den Lebensunterhalt un-
im/T Nöthigen gehört und nicht zu den Gütern zu rechnen ist. die selbst fur die
untersten Volksklassen zu einem angemessenen Lebensunterhalt unentbehrlich erscheinen.
¿ Ņìan bedenke z. B., wie Vortheilhaft es wäre, wenn in China das für Lpium
wendete Geld für die Beschaffung von Lebensmitteln und zu Wohlthätigkeitszwecken,
wnders zur Ernährung und Erziehung der zahlreichen ausgesetzten Kinder aus-
%WOen würde.