Full text: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

6. Kap. Die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft. 
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in seinen früher citirten ,Origines de la France contemporaine 4 doch auch 
die wirtschaftlichen und socialen Probleme eingehend behandelt —, hat sie 
sich in Deutschland im ganzen fern gehalten. 
Hier hat sich die historische Schule großentheils unter dem Einflüsse 
Wilhelm Roschers entwickelt. Er hat namentlich in seinem von uns in 
diesem Buche so oft angezogenen Werke 1 umfangreiches Material aufgespeichert, 
welches bedeutende Einblicke in den Entwicklungsgang der volkswirtschaftlichen 
Berhältniffe gestattet, ohne sich irgendwie in feindseliger Haltung gegen das 
christliche Sittengesetz zu gefallen. Roscher war im Gegentheil ein ernst religiös 
gesinnter Mann, dem, wie der Verfaffer der Vorrede zum V. Band seines 
großartigen Werkes, der eigene Sohn des Verewigten, mit Recht betont, ,bie 
Religion das höchste Ziel und zugleich der tiefste Grund alles geistigen Lebens 
gewesen ist 4 . Eher kann man bei ihm ein zu weit gehendes Nebeneinander 
stellen und Dulden von Ansichten beanstanden, die in offenem Widerspruch zu 
einander stehen. Jndeffen ist eine derartige offene Darlegung der verschieden 
artigen Anschauungen, die aus einer im ganzen auch auf wissenschaftlichem Ge 
biete überaus hochzuschätzenden Duldsamkeit der Anschauungsweise hervorgeht, 
weit empfehlenswerther, als ein auf un- oder halbwahre Thatsachen basirtes 
absprechendes Dogmatisiren, wie sich dessen gegenwärtig insbesondere die Socia 
listen und andere, socialistisch angehauchte Sociologen schuldig machen. Auch muß 
hervorgehoben werden, daß die historische Schule durchaus nicht darauf verzichtet, 
überhaupt bestimmte volkswirtschaftliche Gesetze aufzustellen, sondern nur die Zeit 
noch nicht für gekommen erachtet, wo man mit Fug und Recht dazu schreiten kann. 
Sie begnügt sich also vorderhand, Material zu sammeln und zu beobachten, bis 
sie den Zeitpunkt für gekommen erachtet, zu welchem man die Grundlage für 
die Aufstellung und die Entwicklung von Gesetzen gewonnen haben wird. 
Unter den ältern Mitgliedern der historischen Schule Deutschlands mögen 
auch Bruno Hildebrand^ und Karl Knies 8 genannt werden. Unter den 
gegenwärtigen nimmt Gustav Schmoller* eine besonders hervorragende Stelle 
tes vertus dont elle les dispense, les désintéresse de tout et vide pour ainsi dire 
lour âme.‘ 
1 System der Volkswirtschaft. I. Bd. : Grundlagen der Nationalökonomie (1. der 
Bl Auflagen 1854) ; II. Bd. : Nationalökonomik des Ackerbaues und der verwandten 
Urproduktionen (1. der 12 Auflagen 1859); III. Bd.: Nationalökonomik des Handels und 
lNwerbsfleißes (1881) ; IV. Bd.: System der Finanzwissenschaft (1881); V. (Schluß.) Bd.: 
Armenpflege und Armenpolitik (1894; alle in Stuttgart erschienen). 
* Die Nationalökonomie in Gegenwart und Zukunft. Frankfurt a. M. 1848. 
* Die politische Oekonomie vom Standpunkt der geschichtlichen Methode. Ham 
burg 1853; Die Volkswirtschaftslehre, ebb. 1853. 
4 Zur Literaturgeschichte der Staats- und Socialwissenschaften. Leipzig 1888; 
Zur Social- und Gewerbepolitik der Gegenwart, ebb. 1890.
	        
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