Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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IV.  Buch.  Nachträge.

zunächst  über  die  im  allgemeinen  bei  den  Individuen  anzutreffenden  (Eigenschaften ­
  der  menschlichen  Seele  vergewissern  und  aus  diesen  die  Fundamentalprincipien ­
  der  politischen  Oekonomie  ableiten.  Das  ist  ein  unlängbar  richtiger
Standpunkt,  und  derselbe  führt  zu  bedeutenden  Resultaten,  wenn  die  Anhänger
des  psychologischen  modus  procedendo  die  analytische  Methode  mit  Feinheit
und  Genauigkeit  anwenden.
Auf  den  ersten  Blick  könnte  es  nun  scheinen,  daß  die  analytische  Schule
zur  historischen  in  unaussöhnlichem  Contraste  stünde,  und  in  der  That  hat  es
nicht  an  heftigen  Zusammenstößen  zwischen  den  Anhängern  beider  Richtungen
gefehlt,  namentlich  etwa  vor  einem  Jahrzehnt  zur  Zeit  der  bekannten  Polemik
zwischen  G.  Schmoller  und  K.  Menger.  Trotz  alledem  ist  indessen  der  Gegensatz ­
  zwischen  den  beiden  Richtungen  kein  unüberwindlicher.  Die  psychologische
Schule  geht  ja  nicht  von  der  Betrachtung  eines  fictiven  Menschen  aus,  wie
es  die  Anhänger  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  zur  Zeit  der  höchsten  Blüthe
dieses  Systems  thaten,  sondern  von  der  Beobachtung  des  wirklichen  Menschen,
wie  er  sich  im  Laufe  der  Zeiten  entwickelt  hat;  sodann  leuchtet  es  natürlich
auch  ihren  Anhängern  ein,  daß  die  Art  und  Weise,  wie  die  einzelnen  Menschen
von  den  ihnen  innewohnenden  Seelenvermögen  auf  wirtschaftlichem  Gebiete
Gebrauch  machen,  nur  durch  Beobachtung  der  Erscheinungen  des  äußern  Lebens
erkannt  werden  kann.
Es  liegt  also  durchaus  nichts  Auffälliges  darin,  wenn  man  sich  auf
beiden  Seiten  immer  geneigter  zeigt,  einer  jeden  der  beiden  Methoden  ihr
Recht  zu  geben  und  zu  betonen,  daß  sich  beide  Arten  des  Vorgehens  empfehlen
und  sich  daher  die  Hand  reichen  und  gegenseitig  sich  unterstützen  müssen
Demnach  kann  es  auch  nicht  als  unrichtig  erscheinen,  wenn  man  auch  die
analytische  Methode,  da  sie  gleichfalls  den  sich  historisch  entwickelnden  Menschen
zum  Gegenstand  ihrer  Beobachtungen  macht  und  die  Analyse  der  Erscheinungen
des  wirtschaftlichen  Lebens  als  wichtiges  Hilfsmittel  zur  Erkenntniß  der  Neigungen ­
  und  Strebungen  der  verschiedenen  Schichten  der  menschlichen  Gesellschaft ­
  betrachtet,  als  eine  in  gewissem  Sinne  historische  bezeichnet.
Endlich  haben  wir  unter  den  deutschen  Gelehrten,  welche  wenigstens
in  gewisser  Hinsicht  auf  dem  Boden  des  Historismus  stehen,  noch  Albert
Sch  äff  le  zu  nennen.  Er  behauptet  nur  insofern  eine  besondere  Stellung,
als  er  sehr  bestimmt  die  Existenz  eines  socialen  Entwicklungsgesetzes  annimmt. ­
  Diese  Entwicklung  vollzieht  sich  nach  ihm  gerade  so  wie  der  Fortschritt ­
  in  der  organischen  Welt,  also  infolge  fortwährender  Veränderungen,
Anpassungen  und  Vererbungen  und  somit  in  Gestalt  von  Vorgängen,  die

»  E.  v.  Böhm-Bawerk  im  Programm-Artikel  der  .Zeitschrift  für  Volks-Wirtschaft,
  Socialpolitik  und  Verwaltung'  I.  Bd.,  1.  Lieferung,  S.  5.
            
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