Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Giordano Bruno, 
sonderen gewinnt. Es gilt zu zeigen, wie das All-Eine sich in 
bestimmte Arten und Gattungen differenziert und auseinanderlegt; 
es gilt, diesen Arten selbst ein festes Sein und eine unveränder- 
liche Eigenart zu sichern. Wir verlangen eine Einheit, die die 
Verschiedenheit nicht auslöscht und vernichtet, sondern die sie 
erhält und erklärt. Wo immer uns die Empfindung sinnliche 
Besonderung zeigt, da muss auch ein Begriff gefunden werden, 
der sie verständlich macht. Die Welt der Wahrnehmung kann 
in ihrem Aufbau nur verstanden werden, wenn wir sie auf ein 
System qualitativ bestimmter und unterschiedener Ein- 
heiten zurückführen. Jedes Sondergebiet fordert hierbei, wenn es 
wirklich in seiner Eigentümlichkeit erfasst werden soll, ein eigenes 
Grundelement, ein eigenes „Minimum“. Es ist eine allgemeine 
logische Forderung, die hier gestellt wird: jede Mehrheit, wie 
sie sich uns in der Anschauung darstellt, ist als ein Vermitteltes zu 
denken, das zu seiner exakten Erkenntnis aus einem „einfachen“ 
Ursprung abzuleiten ist. Es ist nicht lediglich die Operation des 
Zählens und Messens, sondern die des Denkens überhaupt, auf 
die Bruno sich hierbei stützt. Alles Denken muss von ursprüng- 
lichen primären Setzungen seinen Ausgang nehmen und von ihnen 
aus versuchen, den zusammengesetzten Inhalt synthetisch zu er- 
schaffen. Nicht also in der Zerfällung und Auflösung eines ge- 
gegebenen Vielfältigen wird der echte Begriff der Einheit ge- 
wonnen, sondern er bildet den ersten unentbehrlichen Anfang und 
die erste schöpferische Grundlegung, die der Gedanke vollzieht. 
Weil unsere Begriffe sich aus ursprünglichen Definitionen 
aufbauen, darum müssen die Dinge, um von uns erkannt zu werden, 
überall auf fundamentale Einheiten zurückgeführt werden. Die 
sprachliche Doppelbedeutung des „Prinzips“ macht sich geltend: 
was der Grund und Ursprung eines Inhalts ist, das müssen wir 
auch als den ersten Anfang seiner Entstehung setzen. 
Solcher Anfänge gibt es daher so viele, als es verschiedene 
Klassen von Gegenständen, ja, genauer gefasst, als es verschiedene 
Gruppen von Problemen gibt. Wie für den Physiker das Atom, 
so stellt für den Geometer der Punkt, für den Grammatiker der 
Buchstabe das letzte, unteilbare Minimum dar. Wo immer eine 
Teilung ins Unendliche behauptet wird, da hat der oberflächliche 
Sinnenschein die echte und wahrhafte Forderung der Vernunft
	        
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