JEJO Der Aufschwung der Handwerksämter im i6. Jahrhundert.
Wie nun die Handwerkerämter in Reval allmälig die KanutJ-
gikle als ihren Mittelpunkt an/.usehen sich gewöhnten — seit 1475
officiell — und diese wiederum Einfluss auf die Leitung der städti
schen Angelegenheit gewann, bedarf noch durchaus einer auf
klärenden Untersuchung. Nottbeck sagt hierüber': „ln allen An
gelegenheiten, welche das Interesse und die Administration des
städtischen Gemeinwesens betrafen, sofern dieselben nicht der
blossen Exekutivgewalt des Raths unterlagen, war dieser seit jeher
an die Zustimmung der grossen und der beiden kleinen Gilden des
heiligen Kanut und heiligen Glaus gebunden und musste von ihnen
auch eine gewisse Art der Kontrole hinsichtlich der Verwendung
der städtischen Einanzmittel hinnehmen. Diese Kontrole wurde
später durch die Hinzuziehung von Gilde-Deputirten in die dem
Rathe untergeordneten Verwaltungsbehörden zu einer direkten
Mitverwaltung erhöht, ln Handelssachen — und diese spielten m
der alten Hansastadt keine geringe Rolle — redete die grosse
Gilde das Hauptwort, in ('.eldbewilligungsfragen kam ihr \'otum
als dasjenige der reichsten Korporation besonders in Betracht-
Bei der städtischen Vertheidigung nahmen die Coldegenossen eine
hervorragende Stellung ein, indem sie im Mittelalter neben dem
Rath und den Schwarzenhäuptern offenbar das Hauptgros der
Reiterei bildeten und mit ihrem (befolge eine ansehnliche Mannschaft
stellen konnten. Auch wurden mit Ausnahme des Oberkommaf-
(leurs (Oberst), welcher Rathsglied war, die Befehlshaber, nament
lich die Hauptleute (Stadtkapitaine), aus der grossen Gilde gewählt-
Es machte sich der Vorrang der grossen (olde vor den beiden
kleinen schon äusserlich geltend, indem seit ältester Zeit der Altei"
mann der grossen Gilde auch Namens der beiden kleinen Cdlden,
also im Namen der ganzen Stadtgemeine, vor dem Rathe das Wort
führte und zu gemeinsamen Berathungen die \ er(reter der beidr’"
kleinen (olden auf der grossen (dldestube versammelte und diesel'
Versammlungen präsidirte.“
Es scheint hiernach, als ob den Handwerkern Revals von selbst
in den Schooss fiel, was die rigischen erst in jahrzehntelange"
Kämpfen erreichten. Rathsfähig sind übrigens auch in Reval rl'^
Handwerker nie gewesen. Bemerkenswerth ist es jedenfalls ti"
lässt die oben angedeutete Entstehung der St. Johannis- oder kleine
(olde in Riga in neuer Beleuchtung erscheinen, dass die kle'"^
1 a. a. O., S. 13.