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Jnteressentengruppen gethan, zur Kräftigung des Bewußtseins,
daß der Verband für alle Gruppen eine gebende Instanz
ist. Wohl schien eine unüberbrückbare Kluft zwischen Arbeit
nehmern und Arbeitgebern in dieser Frage vorhanden zu sein:
es hatte den Anschein, als sei der Verband mit der Klassisi
kationsfrage an einem jener Gegensätze angelangt, bei welchen
angekommen jede Verständigung zu Ende ist, die Interessen
sich kreuzen und feindselig einander gegenüberstehen. Je mehr
man aber an Hand der Bewegung in den tiefern Kern der
Angelegenheit eindrang, um so mehr brach sich die Ueber
zeugung Bahn, daß auch in ihr die Gegensätze zwischen Arbeit
geber lind Arbeitnehmer nur scheinbare waren, daß eine Har
monie der Interessen vorhanden war, wo Niemand sie geahnt
hatte, bis diese Ueberzeugung schließlich siegreich durchdrang.
Die Bewegung war auch darum von nicht zu unterschätzendem
Werthe, weil sie sich im Laufe der Zeit zur eingehendsten
Enquete über die Lage der Arbeitnehmer und Arbeitgeber ge
staltete, wie ans den bezüglichen Voten hervorgeht. Man wird
an denselben trotz ihrer materiellen Richtigkeit einzelne Ab
striche machen dürfen, da — wie stets in solchen Fällen —
wer schwarz malte, gleich auch zu den tiefsten Tonen griff,
imb wer hell malte, zu den lichtesten Nuancen. I» einem
Punkte dürfte der Diskussion eine völlige Beherrschung der
Materie gemangelt haben und vielleicht hat sie gerade dadurch
an richtiger Beurtheilung der letzteren verloren. Immer und
immer wurde gesagt: „Der Minimallohn ist die Ursache der
Musterverschlechternng “. Es läßt sich nicht leugnen, daß dies
zum Theil auch zutrifft. Aber die tieferen Ursachen dessen,
was man hier gemeinhin Musterverschlechternng nennt, liegen
vielleicht doch nicht darin. Die Erscheinung tauchte auch nicht
erst mit dem Minimallohn auf; sie war schon vor demselben
vorhanden und die Klagen darüber gaben einen Anstoß zur
Verbandsgründung. Die theilweise Qualitätenvergeringerung
war wesentlich eine Folge der wirthschaftlichen Depression der