Full text : Geschichte des Zentralverbandes der Stickerei-Industrie der Ostschweiz und des Vorarlbergs und ihre wirthschafts- und sozialpolitischen Ergebnisse

Trägheit  und  mühelosen  Genußsucht  noch  stärker  macht",  wie
Röster  annahm.  Aber  auch  die  Befürworter  des  Minimallohns ­
  werden  nicht  von  sämmtlichen  Wirkungen  desselben
erbaut  sein,  am  wenigsten  davon,  daß  er  eine  unleugbare
Depression  auf  eine  Lohnbewegung  nach  oben  ausübt.  Diese
Befürworter  rekrutiren  sich  aus  sehr  verschiedenen  Lagern  und
nehmen  verschiedene  Standpunkte  ein.  Tie  Einen  (darunter
Z.  B.  auch  der  englische  Premier  Lord  Salisbury)  halten  den
Staat  flir  verpflichtet,  für  ein  Existenzminimum  seiner  Bürger
zu  sorgen.  Wie,  sagen  sie  zwar  nicht.  Ist  man  aber  erst  beim
sozialen  Begriff  des  Existenzminimums  angekonuneu,  kaun  die
wirthschaftlichc  Uebersetzung  desselben  nur  Minimallohn  heißen.
Es  ist  von  Interesse,  daß  schon  der  beriihmte  Gründer  der
politischen  Oekonomie  des  Manchesterthnms,  Adam  Smith,
ziemlich  unumwunden  ein  Lohuminimnm  postulirte.  Er
schreibt:  „Es  sollte  eine  gewisse  Grenze  bestehen,  unter  welche
der  Lohn  für  eine  längere  Zeit  nie  gehen  sollte,  selbst  nicht
flir  den  geringsten  Arbeiter".  Das  heißt  sicherlich  nichts  Anderes, ­
  als  Minimallohn.  In  der  Gegenwart  sind  es  zum
Theil  sozialdemokratische  Schriftsteller,  zum  Theil  aber  auch
katholische  Soziologen,  welche  den  Minimallohn  postuliseli,
so  daß  von  ihm  füglich  gesagt  werden  kann,  daß  an  seinem
geistigen  Urheberrecht  so  ziemlich  alle  Parteien  betheiliget  sind.
Der  Führer  der  holländischen  Sozialisten,  Dómela  Nieuwenhnis,
  fordert  in  seiner  Studie  über  den  Normalarbeitstag*)
den  staatlichen  Minimallohn  als  Korrektur  des  Normalarbeitstages ­
  lind  Krone  desselben,  und  vertritt  die  Ansicht,  daß  der
letztere  nur  in  Verbindung  mit  dem  ersteren  seine  wohlthätigen
Wirkungen  zu  entfalten  vermöge.  Ein  bekannter  katholischer
Soziologe,  der  Italiener  Pater  Matteo  Liberatore,  schreibt
in  seinem  1880  erschienenen  Werke  über  die  Grundsätze  der
politischen  Oekonomie:**)  „Wir  glauben,  daß  Angesichts  der
*)  Do  normale  Arbeidsdag  door  F.  Dómela  Nieuwenhuis.
**)  Principi!  di  Ecconomia  politica,  trattato  del  P.  Matteo
Liberatore,  1889.
            
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