Full text : Geschichte des Zentralverbandes der Stickerei-Industrie der Ostschweiz und des Vorarlbergs und ihre wirthschafts- und sozialpolitischen Ergebnisse

Im  Jahre  1886  tauchte  zum  ersten  Mal  die  Musterklassifikation
  —  d.  h.  eine  Zuschlagstaxe  auf  geringste
Aluster  —  unter  den  offiziellen  Verbandstraktanden  auf.
Diese  Angelegenheit  hielt  den  Verband  seit  vier  Jahren  in
Athem,  verursachte  Bewegung  über  Bewegung,  die  sich  jeweilen
  bis  zur  Leidenschaft  steigerten  und  Stürme  zur  Folge
hatten,  das;  das  ganze  Balkengefüge  des  Verbandes  ins
Blanken  gerieth,  bis  auch  sie  ihre  anscheinend  endgültige  Lösung
iin  November  1890  fand.  Es  ist  auch  hier  nothwendig,  zum
Verständniß  der  Frage  Einiges  über  deren  Ursachen  und
Biesen  mitzutheilen.  Schon  vor  der  Verbandsgründnng  erhìņg
  sich  die  tägliche  Klage  über  eine  zunehmende  Verschlechterung ­
  der  Muster,  wobei  der  Arbeiter  immer  weniger
verdiene.  Dieses  Uebel  griff  seit  der  Verbandsgründung
vierter  um  sich.  Der  Minimallohn  wurde  dadurch  für  jene
Arbeitnehmer,  rvelche  solche  NUlster  niachten,  zum  Theil  illusorisch. ­
  Was  nützte  es  dem  Sticker,  wenn  er  35  Cts.  per
100  Stich  erhielt,  weiln  er  Muster  zu  machen  hatte,  bei
denen  er  es  mit  dem  größten  Fleiß  auf  keinen  Tagesverdienst
von  Fr.  3  netto  brachte?  Der  Minimallohn  sollte  dem
Sticker  seinem  Zwecke  nach  ein  annehmbares  Existenzminimum
sichern;  diese  Aufgabe  vermochte  er  jedoch  bei  Arbeitnehmern,
welche  grobe  und  gröbste  Muster  zll  machen  hatten,  nicht
»lehr  zu  erfülle».  Der  Ruf  nach  einer  Korrektur  wurde
immer  allgemeiner.  Man  verlangte  eine  Mnsterklassifikativn.
d.  h.  eine  Ausscheidung  der  Muster  in  solche,  bei  welchen  der
bloße  Minimallohn  genügte,  und  m  geringe,  für  welche  eine
Zuschlagstaxe  gefordert  wurde.  Die  Idee  war  vereinzelt  bereits ­
  bei  Verbandsgründnng  aufgetaucht,  zugleich  auch  durchwegs ­
  als  Unmöglichkeit  erklärt  worden;  einer  der  wärmsten
Wortführer  des  Verbandes  erklärte  noch  Anfangs  1886,
daß  das  Aufgreifen  dieser  Frage  gleichbedeutend  mit  deiil
Ende  des  Verbandes  sei,  da  die  Arbeitgeber  eine  solche  Maßregel ­
  sich  nie  und  nimmer  könnten  gefallen  lassen.  Aber
            
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