Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

260 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel. 
Anspielungen mögen nicht Hausnamen, wie zur Heuschrecke oder 
zum Heimchen, zum Schlaraffen oder zur kalten Witwe ur— 
sprünglich geborgen haben, welche satirische Individualisierung 
aufs Außere bezeugen nicht Personennamen wie Zegenbart, 
Krumfuß, Schenkinsglas, Leerenkrug, Suchewin, Judenspieß, 
Dufel und Surmilch. Sie sind dem Frankfurter Vorrat ent— 
nommen; hier scheinen sich vor Mitte des 14. Jahrhunderts 
etwa ein Drittel, im späteren 14. Jahrhundert schon mehr als 
zwei Drittel aller Bürger mehr oder minder bezeichnender Zu— 
namen erfreut zu haben. 
Es war ein Fortschritt, der der dichterischen Phantasie sehr 
bald die Bildung fester konventioneller Typen gestatten mußte. 
In der That beginnt schon mit dem Ende des 14. Jahr-— 
hunderts das Zeitalter sozialer Charakterisierung der einzelnen 
Berufsarten und Stände: in dieser Zeit erwachsen jene Typen 
des schlauen Bauern, des lustigen Vaganten, des feigen 
Schneiders, des frechen Hurenwirtes, jene Typengruppen des 
Pfarrers und seiner Haushälterin, des Kaufmanns und des 
pfiffigen Landmanns, ja schon einzelne reine Charaktertypen, 
der des Geizigen etwa, des Wucherers, des Eifersüchtigen, die 
dann bald in den Anfängen weltlich-dramatischer Dichtung 
Verwendung finden sollten. 
All diese Züge aber beweisen, was schon die familienhafte 
Gebundenheit der Personen voraussetzen ließ: wir befinden uns 
noch auf konventionellem Boden: der Bürger und damit der 
Angehörige der entwickeltsten Berufsschicht des 14. Jahrhunderts 
stand noch fern dem geistigen Individualismus der Refor⸗ 
mationszeit. So waren seine Triebe und Anschauungen noch 
wenig persönlicher Art: in frühem Alter schon galt er als 
oöllig erzogen, sein Mündigkeitstermin lag selbst in Städten 
wie Basel und Frankfurt noch im vierzehnten Jahre, und nie— 
mals war er sich selbst interessant als perfönlicher Mikrokosmos: 
wußte er doch zumeist nicht einmal sein Lebensalter sicher zu 
nennen. Umsomehr herrschten ungeregelte Triebe; die Leiden— 
schaften waren noch grob und übermächtig; und im weisen 
Maßhalten bei Absicht, Benehmen und Rede hatte sich wohl
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.