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Gangart der Wagen. Freie Lenkachsen.
kleinsten Spielraum zu geben, damit die parallele Lage der Achswellen untereinander,
sowie ihre „feste" winkelrechte Stellung zur Längsrichtung des Wagenkastens peinlichst genau
gewahrt bliebe. Nunmehr brach sich — Anfang der 80er Jahre — eine neue Anschauung
Bahn. Der Verein Teutscher Eisenbahnverwaltungen (vergl. S. 275) wies 1885 auf
Grund mehrjähriger eingehendster Versuche die Unrichtigkeit des ein Menschenalter hin
durch gläubig befolgten Satzes vom „Parallelismus der Achsen" nach, indem er die Über
legenheit der in Kurven einstellbaren Achsen in Bezug auf wirtschaftlichen Betrieb, wie auf
sanftes Fahren gegenüber der steifen Anordnung klarlegen konnte. Doch bis zur end
gültigen Einführung dieser „freien Lenkachsen" vergingen noch eine Anzahl Jahre.
Erst nachdem durch weitere mühevolle Versuche der sächsischen, ungarischen und der Reichs-
Eisenbahnen Vereinfachungen und Verbesserungen in der Anordnung dieser frei beweglichen
Achsen getroffen waren, konnte endlich 1896 auf der mit der 50jährigen Jubelfeier des
genannten Vereins verbundenen Generalversammlung in Berlin die allgemeine Ein
führung der freien Lenkachsen, selbst für Wagen mit kurzem Radstande für das ganze
Vereinsgebiet allseitige Zustimmung und Genehmigung finden.
Auf den preußischen Staatsbahnen waren übrigens schon seit Mitte der 80 er Jahre
dreiachsige Wagen mit Lenkachsen in Gebrauch, die sich durch sehr ruhigen Gang den zwei-
243. Frrie £culttid)scit für personenwagcn.
achsigeu, steifen Wagen gegenüber auszeichneten. Abb. 243 zeigt ihre Anordnung, wie
sie heute allgemein bei uns üblich geworden ist. Die Achsbuchsen haben danach so großen
Spielraum in ihren Führungen, daß die Radachsen in Gleisbögen dem Drucke der Spur
kränze gegen die Schienen nachgeben und sich „radial", d. h. mit ihrer Längsachse nach
dem Mittelpunkte des Gleisbogens gerichtet, einstellen können. Da die Tragfedern mit
den Achsbuchsen fest (aber um eine Senkrechte drehbar) verbunden sind, so werden jene
hierbei etwas schief gestellt. Diese Verdrehung zwingt die Achsen, beim Wiedereintritt
in das gerade Gleis, in ihre normale mittlere Lage zurück. Man sieht, diese Anordnung
ist einfach und doch wirksam, ihre wirtschaftlichen Vorteile sind ganz erhebliche.
Sorgfältig durchgeführte Vergleichsversuche auf der an Gleiskrümmungen besonders
reichen Berliner Stadt- und Ringbahn ergaben zu gunsten der freien Lenkachsen eine
Brennstoffersparnis der Lokomotiven von 10‘///q. Da die Lokomotiven dieser Bahnen
jährlich rund 48 Millionen kg Koks verfeuern, 1000 kg aber etwa 24 Mark kosten, so
lassen sich hier in einem Jahre über 100000 Mark allein an Koks ersparen. Dazu
kommt noch der geringere Verschleiß der Räder und Schienen, ferner der große Vorteil
des sanften und ruhigen Ganges der Wagen und ein erheblich geringeres Kreischen der
an den Kurvenschieneu anschleifenden Räder. Welch beträchtliche Ersparnis durch Ver
wendung der Lenkachsen in dem gesamten großen Vereins-Wagenpark erzielt wird, bedarf
hiernach wohl keiner näheren Erörterung. Sehr treffend bemerkt daher Wühler, der
frühere maschinentechnische Leiter der Reichseisenbahnen, einer der ausgezeichnetsten Eisen
bahn-Ingenieure unserer Zeit: „Die Einführung der freien Lenkachsen gehört zu dcn-
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