Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

Allgemeine Volkswirtschaftslehre 
397 
Landrys Zinstheorie, welche sich als eine Fortbildung 
derjenigen von Wieser und Böhm-Beiwerk darstellt, ist nicht min 
der subtil und speziös als die der Österreicher. Professor 
Gide meint, Landry habe die Zinsfrage durch seine Speku 
lationen keineswegs geklärt. Unsere Ansicht geht dahin, dab 
er, um die Klippen wirklich zu vermeiden, an denen er vorbei 
kommen will, 1. die Frage der Legitimität des Zinses nicht 
über den Erklärungsversuchen seiner Tatsächlichkeit vernach 
lässigen dürfte, 2. sich vorerst eine breitere historische Funda 
mentierung durch Studium des Zinsproblems im Altertum und 
Mittelalter sowie in den verflossenen Jahrhunderten der Neuzeit 
beschaffen müßte. 
Noch viel unbefriedigender als die Zinstheorie ist Landrys 
Theorie vom Unternehmer gewinn. In äußerst subtilen Ausfüh 
rungen schaltet er vorerst das Kapital, die Geschicklichkeit des 
Unternehmers und die Art und Weise der Risikoberechnung 
als Quellen des Unternehmergewinnes aus. Als solche gilt ihm 
das Seltenheitsmoment des Zusammentreffens von Kapitalien 
und Fähigkeiten in einer physischen Person l ). Er macht sich 
selbst den Einwurf, daß man Unternehmer sein kann, sowohl 
ohne Kapital, als ohne spezielle Fähigkeiten zu besitzen. 
Letzteres ist der Fall bei allen unpersönlichen Unternehmungs 
formen, also besonders bei den meisten Aktiengesellschaften. 
Darauf antwortet er, daß die Unternehmer ohne Kapital oder 
ohne spezielle Fähigkeiten immer nur einen verschwindend ge- 
bedarfs bezw. der Bereitwilligkeit der Hingabe ein. Er versucht zunächst nach 
zuweisen, daß der Zins nicht unregelmäßig (auf einem Markte) schwanken kann, 
sondern der Dauer der Anlage proportional sei. Dementsprechend korrigiert er 
obige Formel wie folgt: In der Kurve der Nachfrage wird jedes Kapital für 
den Zinsfuß figurieren, den es abwerfen kann, wenn man diejenige Anlagedauer 
für dasselbe annimmt, welche dessen höchsten Mehrertrag pro Zeiteinheit er 
zeugen wird. In der Kurve des Angebots wird jedes Kapital mit dem Zinsfuß 
auftreten, den es fordert, wenn man diejenige Anlagedauer für dasselbe annimmt, 
welcher das geringste Opfer pro Zeiteinheit von seiten des Kapitalisten entspricht, 
ibid. p. 642—643. 
b „Um Unternehmer zu sein, muß man zugleich Kapitalien und Fähig 
keiten haben; obwohl nun beide relativ sehr verbreitet sind, so ist doch deren 
Verbindung relativ selten; deswegen wird der Unternehmer aus der gleichzeitigen 
Verwendung beider mehr erzielen, als wenn er sie getrennt verwendet hätte." 
Landry, loe. cit. p. 675, und: Le Problème du Profit, p. 14.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.