30
i
Handel die entscheidende Macht zur Bereicherung der Völker
sei. Allerdings ist diese Vorstellung sein Ausgangspunkt und
sie wurzelte in einem Antriebe der Thatsachen, welcher nichts
Zufälliges an sich hatte. Allein es müssen noch andere Ziel
punkte hinzutreten, und in dieser Hinsicht sind sogar die ge
wöhnlichen Erinnerungen an die edlen Metalle und an die
Bilanzrücksichten im Allgemeinen zutreffend. Doch pflegt man
die Bedeutung, welche der Mercantilismus den edlen Metallen
beilegte, ebenso wie die Art, in welcher er die Wirksamkeit
der Handelsbilanz betrachtete, meist bis zur Caricatur zu ver
zerren; — gar nicht davon zu reden, dass man den natürlichen
Zusammenhang, in welchem die Bestrebungen in Rücksicht auf
den Handel, das Held und die Bilanz standen, gemeiniglich
übersieht.
Die bekannte Midasfabel wurde schon im Altorthum und
speciell auch von Aristoteles gebraucht, um zu beweisen, dass
man Gold nicht essen könne. Die neuern und neusten Cari-
kirer des Mercantilismus haben diese uralte und sicherlich nicht
nach allzu viel Geist aussehende Wendung nachgeahmt und
den mercantilen Anschauungen die thörichtsten Ansichten und
Absichten untergeschoben. Sie haben oft genug so geredet, als
wenn die Geschäftsleute und Staatsmänner beinahe geglaubt
hätten, dass sich die edlen Metalle zur Nahrung des mensch
lichen Körpers gebrauchen Hessen. Zu diesen Ausschweifungen
hat ausserordentlich viel die Feindschaft beigetragen, mit welcher
die neuaufkommenden Schulen und die veränderten Interessen
Alles befehdeten, was mit dem Mercantilismus in irgend welcher
Beziehung stand. Noch heute ist man durchschnittlich von
einer unbefangenen und geschichtlich zutreffenden Würdigung
der mercantilen Praxis und der ihr anhängeuden Ideen ziemlich
weit entfernt. Die Hinweisung auf die Ueberschätzung der
edlen Metalle durch die Mercantilisten ist zwar im Allgemeinen
berechtigt, genügt aber nicht, indem man wissen muss, in wel
cher Art die Vorstellung über die Rolle des Silbers und Goldes
fehlgegriffen habe.
In dieser Beziehung giebt es nun keinen andern Ausweg,
als die innern und äussern Gründe zu untersuchen, aus welchen
eine bestimmte Idee über die Bedeutung der edlen Me talle her
vorgehen konnte. Zunächst war der Handel und zwar vor
nehmlich der auswärtige Handel im Beginn der neuern Ge-