Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

532 
den Schmutz greifen, wenn die blinden Ressentiments im Sinne 
einer blossen „Magenfrage” herauf beschworen wurden. Es war 
in der Ordnung, das Classenhewusstsein anzuregen und die 
zwitterhaften Dienste zu entlarven, auf welche die Yertrotcr 
einer vormundschaftlichen Patronisirung der Arheiterinterossen 
pochten. Allein es hiess die bessere Natur verleugnen, die 
Selbständigkeit und die Motive des Kampfes nur in den ungeklär 
ten Regungen des Neides suchen zu wollen. In dieser Region 
fühlten sich daher auch grade die corruptesten Parasiten des 
Feudalismus und der Superstition am meisten an gezogen. Sic 
fanden in den Lassalleschen Pamphlets auch das Gemeine, für 
das sie am ehesten Verständniss hatten. Auf diese Weise 
geschah es, dass nicht die bessere, sondern die schlechtere 
Seite der Agitation und der Theorie seltsame Freunde fand. 
Die volkswirthschaftlicho Unwissenheit klammerte sich viel 
fach an Lassalles Auseinandersetzungen, weil aus den letzteren 
eher etwas zu entnehmen war, als aus den gemeinen Lehrbüchern. 
Wie sehr sich Lassalle in der Theorie vergriff', und wie 
er die feindlichen Leidenschaften überall ins Auge fasste, zeigt 
seine Beurtheilung der Arbcitercoalitioncn, die zum Zweck der 
Lohnerhöhung oder der Verkürzung der Stundenzahl mit dem 
letzten Mittel der Arbeitseinstellungen agiren. J5r sah in diesen 
Coalitionskämpfen nur den einzigen Nutzen, die Ressentiments 
wach zu halten, und hatte keine Ahnung davon, welche Kraft 
sich in dieser Richtung entwickeln lasse, und wie der ganze 
Socialismus an diese naturwüchsigen Erscheinungen anzu 
knüpfen habe. Statt dessen baute er auf wirthschaftliche Asso 
ciationen, die nach seiner eignen Annahme einen überwiegend 
politischen Einfluss der Arbeiter voraussetzen, um überhaupt 
möglich zu werden. 
Einzelne Freunde Lassalles sagen von ihm, dass er zuletzt 
selbst nicht mehr an die Durchführbarkeit seines Programms 
geglaubt habe. Welche Bewandtniss es hiemit nun auch haben 
möge, so ist doch nicht anzunohmen, dass er im Allgemeinen 
an den Grundzügen seiner Zukunftsvorstellungen verzweifelt 
haben sollte. Wohl aber ist es nur zu denkbar, dass er für 
sein specielles Programm den Glauben verloren hatte. Seine 
schliesslichen Neigungen, die Gesammtheit der innern und 
äussern Politik in Rechnung zu bringen, und seine Hinwendung 
zur nationalen Frage zeugen dafür. Die mit der Reformations-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.