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W0Í8S ja schon im Yoraiis, dass die Ansätze zu den mehr ent
wickelten Ideen vorhanden gctwesen sein müssen, wo die Yor-
hedingnngen zu der betreffenden Gedankenthätigkeit, also die
äussern Anregungen und die innern Fähigkeiten vorhanden
waren. Er weiss ferner auch, dass sich an Spuren solcher Art
noch weit mehr feststellen lassen würde, wenn der Kreis der
erhaltenen Literatur umfangreicher wäre.
Aus dem eben gekennzeichneten Sachverhalt folgt aber
noch keineswegs, dass irgend eine Art von Ueherlieferung der
Grund gewesen sein müsse, aus welchem es den Späteren ge
lungen sei, etwas Aehnliches, aber Yollkommneres hervorzu-
hringen. Die Reproduction ist im Gegentheil nur selten die
Sache derjenigen, welche die Fundamente neuer Wissenschaften
aufführen. Eine grosse Anzahl von Ideen wird von ihnen lieber
in ganz ursprünglicher Weise durch Nachdenken über die ge
gebenen Yerhältnisse erzeugt, anstatt wie von Seiten der weniger
denkfähigen oder ganz passiven und nachahmenden Naturen
geschieht, bei Andern aufgesucht zu werden. Ausserdem giebt
es Bestandtheile des Wissens, die in einer entwickelteren
Periode so gleichgültig und unerheblich erscheinen, dass sie
unwillkürlich gleichsam aus der Umgebung aufgenommen und
fast unbewusst angeeignet werden. Derartige Elemente werden
nun nicht einmal vorzugsweise aus der Literatur stammen,
sondern dem Leben und Yerkehr angehören. Sieht man nun
aber von alledem, was sich auf die eben angegebene Weise er
klärt, gänzlich ab, so muss man für das Uebrige neben der
Anregung durch Früheres und der liiemit gegebenen Stetigkeit
auch die Unterbrechung der letzteren durch irgend einen ent
scheidenden Schritt anerkennen. Hienach hat also das Frühere
seinen bestimmten und meist nicht geringfügigen Antheil, wäh
rend die erhebliche Wendung, durch welche die Erscheinung
Upoche macht, die neue Errungenschaft vertritt. Bei einer
richtigen Würdigung wird man offenbar keinen Anstand zu
nehmen haben, den deutlich unterscheidbaren Fortschritt von
grosser Tragweite, der mit einer wesentlichen Gestaltverände
rung verbunden ist, als Wirkung eines Yerbal tens anzusehen,
'Welches zwar durch die Stetigkeit des früheren Gedankcnlaufs
vorbereitet sein mag, keineswegs aber durch dieselbe eigentlich
erzeugt worden ist. Nur wenn man diese Unterscheidung im
Auge behält, wird man den grossen Leistungen gerecht werden.
Dühring, Gcscliichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 4