28 Einleitung: Entwickelung des Verkehrswesens.
der Haupthafenplatz am Persischen Meerbusen, die Insel Socotcra am Eingang des Roten
Meeres — war den Venezianern die Warenzufuhr abgeschnitten, und auch sie wurden
auf den Markt von Lissabon angewiesen.
Da auch die Mameluken in Ägypten die Schmälerung ihrer Einnahme stark ver
spürten, so ward es den Venezianern nicht schwer, die Herrscher von Ägypten, Jemen,
Arabien und Guzerate zu einem Kriegszuge in den indischen Gewässern gegen die Portu
giesen zu bewegen. Das Unternehmen war jedoch nicht von dem gewünschten Erfolg
gekrönt. Mit dem Einzug der Türken unter Selim in Kairo und dem Ende der Mame
lukenherrschaft am Nil erreichte auch der Zwischenhandel am Nildelta sein Ende. Das
stolze Venedig sank immer tiefer, und das Mittelmeer verödete mit seinem Niedergang
immer stärker, wogegen der Schiffsverkehr im Atlantischen Ozean, nicht am wenigsten
durch die Entdeckung Amerikas eine ständig wachsende Bedeutung gewann. Die immensen
Vorteile, welche die Auffindung des Seewegs nach Ostindien für die Portugiesen im
Gefolge hatte, traten nicht in gleicher Weise sofort für die Spanier durch die Ent
deckung Amerikas hervor. Die Bevölkerung des neu entdeckten Erdteils stand ans einer
weit niedrigeren Stufe der Kultur als die Bewohner Ostindiens. Weder die Bebauung
und die Ausbeutung des Bodens, noch die industriellen Fertigkeiten der Bewohner ließen
den Vergleich mit jenem Lande zu. Das Trachten der Spanier ging, nachdem die ersten
Entdecker als Frucht ihrer Abenteuer Goldkörner mit nach Hause gebracht hatten, in
immer stärkerem Grade auf die Gewinnung der edlen Metalle, Gold und Silber. Die
Gier nach Edelmetallen überwucherte alle anderen Bestrebungen, und von ihr wurden
alle ergriffen, die in spanische Dienste traten. Aber, wie so vielfach im Leben, so auch
hier, der ungeheuere und unerwartete Reichtum erwies sich als eine verhängnisvolle Gabe.
Nicht länger als ein Jahrhundert dauerte die Periode des Glanzes und der Macht, in
welcher Spaniens Handelsbeziehungen diejenigen aller anderen Länder an Wichtigkeit und
Bedeutung übertrafen. Unter der schimmernden Hülle verödete das Land, verfiel seine In
dustrie, ging der Ackerbau zu Grunde, verbarg sich die Armut und das Elend des Volkes.
Während sowohl Spanien als das seit 1580 mit der spanischen Krone vereinte
Portugal sich nicht lange ihrer Handelsherrlichkeit erfreuten, wußten die Niederländer
und Engländer sich die veränderten Verhältnisse dauernder zu nutze zu machen. Durch
den regen Verkehr mit den Portugiesen bildeten sich die Häfen der Niederlande: Brügge,
Gent, Antwerpen zu bedeutenden Stapelorten aus, nach denen die spanischen und
portugiesischen Schiffe die Waren aus Indien und dem südlichen Europa und die Ostsee
fahrer die Waren aus Rußland und den nördlichen Ländern brachten, und nach welchen
Orten die kostbaren Weine des Rheins und der Mosel, sowie das Holz der deutschen
Hochwälder geschafft wurden. Antwerpen wurde unter Karl dem Fünften die erste
Handelsstadt der Welt. Im ersten Jahrhundert scheint hier schon ein Anladeplatz gewesen
zu sein, am Ende des 10. Jahrhunderts wurde eine Burg errichtet, aber erst mit dem
13. Jahrhundert nahm Antwerpen den Charakter als wirkliche Stadt an, die infolge der
günstigen Wasserverhältnisse der Schelde immer mehr aufblühte. Bis zum Ende des
15. Jahrhunderts verdankten die niederländischen Städte ihren aufblühenden Zustand
jedoch nicht der merkantilen Rührigkeit sondern der Industrie.
Bis über die Mitte des Mittelalters hinaus waren Städte, die durch eine kurze
künstliche Wasserstraße mit dem Meere in Verbindung standen, Plätzen gegenüber, welche
direkt am Meere oder an buchtenartigen Erweiterungen von Flüssen lagen, keineswegs
im Nachteil. Die Seeschiffe dieser Zeit besaßen verhältnismäßig unbedeutende Dimen
sionen, und deren geringer Tiefgang bedingte daher nicht den enormen Arbeitsaufwand,
wie solcher bei gleicher Lage heute erforderlich ist, gehört doch jetzt die Herstellung der
großen Seekanäle mit zu den bedeutendsten technischen Leistungen. Die Zeit selbst war in
dieser Periode auch noch nicht ein so kostbares Gut wie gegenwärtig, und man erblickte
in einer Verlängerung der Fahrzeit und in der Vornahme von Umladungen auf dem
Transport nicht einen so großen Nachteil wie wir heutzutage.
Durch die Kriege mit den Spaniern (unter Philipp II) sank die Größe und Handels
blüte Antwerpens dahin, und an die Stelle dieser Stadt trat die Hauptstadt der jungen