Full text : Die sociale Lage der Handlungsgehülfen und ihre Verbesserung durch die kaufmännischen Vereine

36

bemittelten  wird,  folgt  dann  die  ungeheuere  Konkurrenz,  welche  sich  diese
Unbemittelten,  die  doch  die  große  Masse  der  Bevölkerung  bilden,  untereinander ­
  überall  machen.  Es  scheint  beinahe  nicht  genug  Erwerbsgelegenheit ­
  mehr  für  diese  Anzahl  strebender  Menschen  da  zu  sein,  weil  sich  die
meisten  von  ihnen  nur  auf  die  Jagd  nach  unselbständigen  Stellen  werfen
müssen  und  kein  erleichterndes  Vorrücken  zur  massenhaften  Selbständigkeit,
mehr  stattfindet.  Aus  diesen  inneren  Ursachen  ergiebt  sich  Dasjenige,  was  man
heutzutage,  rein  äußerlich  betrachtet,  die  „Überfüllung"  nennt,  die  nicht  bloß
für  die  gewerblichen,  sondern  auch  für  die  gelehrten  und  geistigen  Berufe
höherer  und  niederer  Art,  wie  für  die  Beamtenlaufbahn  Thatsache  ist.  Weil
die  Gewerbe  nicht  mehr  alle  Menschen  versorgen  konnten,  glaubten  sich  die
Unbemittelten  eine  Zeit  laug  mit  besserem  Erfolg  auf  die  Beamteucarriören
jeden  Grades  werfen  zu  müssen.  Diese  Erscheinung  dürfte  nebenbei  ein
Beweis  dafür  sein,  daß  höhere  Anforderungen  an  die  Vorbildung  selten
diesen  Zudraug  abhalten  können;  denn  die  Unbemittelten  überwinden  in
der  Hoffnung  auf  bessere  Versorgung  auch  diese  Hindernisse  noch  durch
gesteigerte  Entbehrungen  und  höheren  Eifer.  Dazu  kommt,  daß  aus  den
oben  angeführten  Gründen  kapitalkräftige  Konkurrenten  in  allen  Branchen
oft  auch  noch  eine  ganze  Anzahl  mittlerer  Arbeitgeber-Existenzen  ruinieren.
Diese  letzteren  werden  mitsamt  ihrem  Personal  erwerbslos  und  vermehren
den  Zudrang  der  Unselbständigen,  welcher  ohne  alles  Zuthun  der  Arbeitgeber ­
  jeden  Gewerbes  die  Verdienste  herabdrückt,  die  Arbeitszeiten  verlängert
und  die  Kündigungsfristen  verkürzt,  weil  ein  Gehülfe  oder  Arbeiter  immer
den  andern  zu  verdrängen  suchen  muß  durch  noch  größere  Gefälligkeiten
gegen  den  Unternehmer.  Die  Thatsache,  daß  immer  mehr  Handarbeit
sparende  Maschinen  angewendet  und  dadurch  die  menschliche  Arbeitskraft
überflüssiger  und  wertloser  gemacht  wird  als  früher,  geht  nebenher  und
vergrößert  die  Masse  der  Unselbständigen  und  Arbeitsuchenden.
Bei  dieser  allgemeinen  Überfüllung  konnte  natürlich  das  kaufmännisch
Gewerbe  nicht  leer  ausgehen.  Dasselbe  lockt  die  Unbemittelten  noch  ganz
besonders  dadurch  an,  daß  es  eine  gesellschaftlich  etwas  höhere  Stellung,
als  diejenige  des  Hülssarbeiters  bei  der  Produktion  gewährt,  und  daß  die
vielen  kleinen  Detailgeschäfte  den  Anschein  erwecken,  als  sei  hier  doch
noch  eher,  als  anderswo,  zu  einer  gewissen  Selbständigkeit  zu  gelangen.
Nebenbei  führt  die  Einrichtung  des  Einjährig-Freiwilligen-Dienstes  dem
Kaufmannsstande  manchen  jungen  Mann  mehr  zu,  der  recht  gut  für  eine
Thätigkeit  in  der  Produktion  getaugt  hätte,  nach  gemachtem  Examen  sich
aber  fälschlich  für  zu  gut  dafür  hält,  andererseits  fühlt,  daß  er  höheren
geistigen  Anforderungen  doch  nicht  genügen  kann,  und  nun  als  vermeintlich
richtigen  Mittelweg  den  kaufmännischen  Beruf  wählt.  Es  mag  also  sein,
daß  der  kaufmännische  Beruf,  dem  sich  (nicht  gerade  zur  Hebung  seiner
Standesehre)  auch  gescheiterte  Hausknechte,  Kutscher,  Schreiber  und  Metzgerburschen ­
  zuwenden,  einen  Grad  mehr  überfüllt  ist,  als  andere  Erwerbsarten.
Doch  ist  dies  eben  nur  ein  gradueller,  kein  wesentlicher  Unterschied.  Die
letzten  wirtschaftlichen  Ursachen,  die  oben  zu  skizzieren  versucht  wurden,
sind  solche,  die  in  der  Umwälzung  des  modernen  Verkehrs  durch  die  Technik
liegen.  Daher  leitet  sich  auch  dasjenige,  was  sich  von  den  allgemeinen  Er-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.