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Die Gründer der heutigen Schulen
liehen Handelns der Menschen, gipfelt in dem Grundsatz der
Entsagung. „In der materiellen Ordnung wie in der sittlichen
kann etwas wahrhaft Großes und Nützliches nur durch die Ent
sagung geschehen Das Prinzip der Entsagung ist die
allgemeine Vorbedingung jeden Fortschritts, weil es die erste
Vorbedingung der Vereinigung des Menschen mit Gott ist . . .
es ist das erzeugende und erhaltende Prinzip einer jeden Kul
tur“ *). Genau wie das Leben aus dem Tode geboren wird, wie
der Mensch durch Entsagung die volle Selbstbeherrschung er
langt, wie die Größe aus der Demut hervorgeht, so erzeugt die
Verachtung der irdischen Güter den Reichtum. Das lehrt das
Beispiel der christlichen Völker ; sie blühen und gedeihen. „Die
Entsagung ist in der sozialen Ordnung die verborgene Kraft,
die alles bewegt und erhält ; die materielle Blüte und der Glanz
der Kultur der menschlichen Gesellschaft sind immer im direkten
Verhältnis .... zu deren Entsagung“ 2 ).
Das Grundgesetz der Entsagung erzeugt Harmonien im
Wirtschaftsleben 3 ). Die Arbeit ist die allgemeinste Betätigung
der Entsagung. Durch diese wird die Arbeit eine energische
und intelligente. Der Geist der Entsagung sichert die Freiheit*).
Die Entsagung schaßt durch Sparen das Kapital. Sie wirkt
ferner befruchtend auf die Arbeitsteilung und die Arbeitsver
einigung, welche nötig sind, um die materielle Welt dem Menschen
untertan zu machen. Denn die Arbeitskraft des Einzelnen hängt
*) Ch. Périn, De la Richesse dans les Sociétés Chrétiennes, 1861, im
Vorwort.
2 ) Ch. Périn, Premiers Principes ¿'Economie Politique, Aufl. von 1895,
p. 8—9.
3 ) ibid. p. 67 ff.
*) Allerdings bedarf die Freiheit, wie Périn sie meint, einer Begriffsfest
setzung. Für Lamennais und die liberalen Katholiken vor 48 war die Freiheit
das Primäre, welches Wohlergehen und Ordnung in sich schloß. Périn dagegen,
und wie wir sehen werden, auch Le Play, betrachten die sittliche Ordnung und
das materielle Wohlergehen als das Primäre; die Freiheit tritt nur als Mittel
hinzu, insoweit sie zur Verwirklichung jener als geeignet erscheint. Die vorher
gehende Epoche warf gerne die Freiheit mit der politischen Demokratie zu
sammen; Périn ist aber sorgsam bestrebt, sie auseinander zu halten. Er betont
vielmehr die Notwendigkeit der Paarung von Freiheit und Autorität. Die poli
tische Demokratie bekämpft er als revolutionär, als aus dem Individualismus
hervorgehend, als Ohnmacht und Knechtschaft. Vgl. Ch. Périn, Premiers Prin
cipes ¿’Economie, Politique, p. 36 ff. und M. Eblè, loe. cit. p. 63—64.